Wenn Medikamente töten

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 7. Mai 2006, Seite 22)

Potente Arzneimittel haben auch potente Nebenwirkungen


Beda M. Stadler

Bei klinischen Versuchen in London erkrankten Mitte März die sechs Testpersonen. Zwei davon schwebten mehrere Tage in Lebensgefahr. Die Freiwilligen hatten einen Antikörper gegen Steuerzellen des Immunsystems erhalten. Das Ausmass der Reaktion hat selbst die Fachwelt in Staunen und Sorge versetzt.

Die Versicherung der deutschen Pharmafirma zahlte an vier der Männer eine Summe von jeweils 10 000 Pfund. Ist die Sache damit erledigt, oder sollte man zu den Besserwissern wechseln, die so etwas schon immer kommen sahen? Ein Kollege hat gegenüber der Zeitschrift «New Scientist» gemeint, man müsse kein superschlauer Wissenschafter sein, um vorauszusehen, was passiere, wenn das Immunsystem derart stimuliert werde. Im Nachhinein ist man eben klüger. Die Tierversuche hatten jedenfalls keine drastischen Reaktionen vorhergesagt. Haben die Tierschützer also Recht, die behaupten, dass Tierversuche für die klinische Forschung wertlos sind? Oder wird sich vielleicht – wie beim Schlafmittel Contergan – herausstellen, dass effektiv zu wenig Tierversuche durchgeführt wurden?

Eine neue Gefahr besteht zumindest: Unsere Beamten werden die Zulassungsschraube anziehen. Die Ethikkommissionen und alle, die glauben verantwortlich zu sein – ohne je Verantwortung zu übernehmen –, werden die Hürden für neue Medikamente hinaufsetzen. Diese Regulatoren würden nicht einmal das Schmerzmittel Aspirin zulassen, das – neben anderen Nebenwirkungen – Magenbluten verursachen kann. Ein Medikament mit solchen Nebenwirkungen würde aus der industriellen Pipeline fallen. Tatsächlich war Aspirin bereits 1897 durchgefallen. Die Bayer-Chefs hielten es für zu giftig – sie gaben Heroin den Vorzug. Die Probanden fühlten sich nach der Schmerzmittel-Einnahme oft «heroisch», so wurde eine Heldin – die Heroin – geboren. Heroin wurde als Hustensirup für Kinder, später als Schmerzmittel und als «nicht süchtig machendes Medikament » gegen die Entzugssymptome von Morphin und Opium verkauft. Jahrelang wurde auch niemand süchtig, weil das Mittel oral in einer zehnmal geringeren Dosis eingenommen wurde, als dies Drögeler für ihren Flash brauchen. Hierzulande durfte man damals ungestraft «Härdöpfler» und Absinth produzieren – nicht so in Amerika. Wen wundert es da, dass erst die Prohibitions-geschädigten Amerikaner auf die Idee kamen, Heroin zu spritzen. Aus Fürsorge (fast wie heute: Zigarette aus, Helm auf und hopp auf den PS-gedrosselten Töff, weil Gutmenschen für uns die Verantwortung tragen wollen) wurde das heldenhafte Schmerzmittel zur illegalen Droge. Stattdessen eroberte Aspirin, die zweite Wahl, den Markt.

Keine Sorge, da alternative Mittelchen keineNebenwirkungen haben, haben sie eben auch keineWirkung.

Was hat dieser medizinhistorische Exkurs mit dem verunglückten klinischen Versuch in London zu tun? Zweierlei. Einerseits sind nun hoffentlich alle naiven Bezüger von alternativen Mittelchen gewarnt. Wer ein Päckchen oder einen Joghurt-Drink hat, auf dem steht: «stärkt das Immunsystem », hat nun wenigstens eine Vorstellung davon, was geschehen könnte, wenn das Immunsystem wirklich stimuliert wird. Keine Sorge, da alternative Mittelchen keine Nebenwirkungen haben, haben sie eben auch keine Wirkung. Man kann sie getrost auf den Kompost schmeissen. Sollte mehr als reines Wasser drin gewesen sein, werden die Bakterien im Kompost den harmlosen Inhalt zusammen mit der Bananenschale rezyklieren. Andererseits hat der tragische Unfall in Erinnerung gerufen, dass potente Medikamente ebenso potente Nebenwirkungen haben. Medizin als Nullrisiko gibt es nicht. Jeder Heiler, der ein Medikament ohne Nebenwirkung verspricht, gehört genauso auf den Mist wie sein Wässerchen. Es ist zu hoffen, dass die Wissenschaft entscheiden darf, ob derart gefährliche Therapiekonzepte weiterverfolgt werden dürfen. Medizinisches Neuland zu betreten, hat bisher weniger Verletzte gefordert als das Betreten anderen Neulands, auf das wir Menschen uns nur allzu gerne wagen.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 7. Mai 2006, Seite 22

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