Sollen Hühner Veganer werden?

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 9. April 2006, Seite 22)

Nein! Hühner werden weiterhin Würmer aus dem Boden zerren


Beda M. Stadler

Eigentlich wollte ich diese Ostern aus Protest keine Schweizer Eier anfärben. Ich habe mich so geärgert, dass Gallosuisse, die Vereinigung der Schweizer Eierproduzenten, in ihrer Inseratenkampagne behauptete: «Schweizer Eier schmecken besser, weil das Futter der Hennen nicht gentechnisch verändert wird und weder tierisches Eiweiss noch Antibiotika enthält.» Wie soll eine gentechnische Veränderung im Hühnerfutter den Geschmack eines Poulets verändern? Das ist fast so blöd wie einen Quarz als Aromastein zu verkaufen, oder eben Hühnermist.

Vielleicht war die Werbekampagne mit den niedlichen Hühnern dazu gedacht, den Kleinkindern die Angst zu nehmen, der Osterhase würde von den Hennen gefressen, wenn er sich hinter ihre Eier mache. Das ist gar kein so abwegiger Gedanke. Verirrt sich nämlich eine Maus in einen Hühnerstall, findet man nach kurzer Zeit weder Fell noch Knochen. Hühner sind nicht abgeneigt, ab und zu tierisches Eiweiss zu fressen. Wenn man ihnen allerdings nur Fischmehl verfüttert, dringt der Fischgeschmack bis ins Ei. Der Fischgeschmack entsteht aber weder wegen der tierischen Eiweisse noch wegen der Gene im Futter.

Dabei sind Hühner Weltmeister im Umsetzen von pflanzlichen in tierische Eiweisse. Aus Profitgründen halten daher selbst die Biobauern ihre Hühner in unnatürlich grossen Herden. Sie überleben diese Haltung, obwohl sie einander ständig unfreundlich pieksen. Selbst mit verletzten Füssen können sie auf dem Misthaufen herumlaufen. Falls wir Menschen mit offenen Wunden derart auf dem Miststock herumspazieren könnten, gäbe es längst Kneipp-Mist-Kuren. Hühner sind eben auch Weltmeister im Produzieren eigener Antibiotika. Diese Antibiotika kriegt Gallosuisse sogar mit einer rigorosen Diät nicht aus dem Hühnerfleisch.

Fortan sollen also nur noch pflanzliche Eiweisse und Antibiotika aus eigener Produktion im Schweizer Huhn sein. Ob es allerdings den Hühnern passt, von nun an Veganer zu sein, ohne je einen Wurm aus dem Boden zu zerren, weiss ich nicht. Mich hat aber geärgert, dass die Eier besser schmecken sollen, weil die Schweizer Hühner kein Genfood kriegen. Das mag Gallosuisse behaupten, aber kontrollieren können sie so etwas nie! Werden doch heute mit Hilfe der Gentechnik Vitamine und Aminosäuren hergestellt, die in der Futtermittelindustrie eingesetzt werden. Zudem werden jährlich Hunderte von Tonnen GVO-Futtermittel legal in die Schweiz importiert, und davon enden einige Tonnen in den Hühnermägen.

Der Präsident von Gallosuisse hatte ein Einsehen, er liess das leidige Inserat abändern. Neu heisst es: «Schweizer Eier geniessen Vertrauen, weil das Futter der Hennen nach schweizerischen Qualitätsnormen hergestellt wird und weder tierisches Eiweiss noch Antibiotika enthält.» Dieses Versprechen ist nur einzuhalten, wenn Hühner in einem Betonbunker gehalten werden. Nur so würde verhindert, dass ein Huhn nie mehr einen Wurm oder eine Maus erwischt. Trotzdem, der Osterhase wird wahrscheinlich aufgrund seiner Grösse von den Hühnern verschont. Ich werde also zu Ostern Schweizer Eier bemalen.

Verirrt sich nämlich eine Maus in einen Hühnerstall, findet man nach kurzer Zeit weder Fell noch Knochen.

Als «Gentechnologe» würde ich mich allerdings gerne zu Ostern auf einen modernen Schweinebraten freuen. Seit kurzem ist nämlich gesundes Schweinefleisch möglich, weil man Schweine züchtete, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Es wurden transgene Schweine kloniert, die Omega-3-Fettsäuren produzieren. Diesen hochungesättigten Fettsäuren wird ein gesundheitlicher Nutzen nachgesagt. Das Fischöl, in dem sie sonst in grossen Mengen vorkommen, ist hingegen nicht gerade eine Delikatesse. Trotzdem, in einem Land, in dem nicht einmal die Hühner Genfood essen dürfen, freut man sich wahrscheinlich zu früh auf gesünderes Schweinefleisch. Ich werde also versuchen, von jetzt an mehr Schweizer Hühner zu essen, um diese vom Stallzwang zu befreien und weil mir Veganerhühner leidtun.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 9. April 2006, Seite 22

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