Gesichtsmasken für jeden Schweizer

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 12. März 2006, Seite 20)

Tamiflu gehört in jedes Haus. Und die ganze Bevölkerung muss gegen «Menschen»-Grippe geimpft werden


Beda M. Stadler

Es hat einige Beamte, die nur Titel lesen, ziemlich geärgert, als eine Tageszeitung im Oktober titelte: «Ein Professor will Tamiflu für alle». Nun möchte ich nachdoppeln mit der Forderung: «Eine Gesichtsmaske für jeden Schweizer!» Damit meine ich aber keine Fasnachtslarven, sondern «professionelle» Masken, im Influenza-Pandemieplan auch als FFP2- und FFP3-Masken bezeichnet.

Trotz meiner damaligen Stichelei wegen des Tamiflu weiss bis heute niemand, wie Tamiflu wirklich verteilt wird. Auch wenn der Ball jetzt privaten Verteilern zugespielt wird, ist das Grundproblem damit noch nicht gelöst. Tamiflu schützt nicht vor einer Grippeinfektion, das Medikament baut nur eine Konkurrenz gegen das Virus auf, damit unser Immunsystem schützende Antikörper bilden kann. Tamiflu bringt dem Patienten also immerhin einen zeitlichen Vorteil im Kampf gegen das Virus.

Selbst der Pandemieplan sieht vor, dass gefährdete Personen in bestimmten Situationen Tamiflu prophylaktisch schlucken müssen. So verordnet bei deutschen Soldaten, die Schwäne am Strand auflesen mussten. Der Pandemieplan bezeichnet den Gebrauch von Tamiflu als eine Frühtherapie. Je früher dieses Medikament verabreicht wird, desto vernünftiger. Wenn man jetzt genüsslich Fälle kolportiert, bei denen Tamiflu nicht geschützt haben soll, dann sollte man sich mal fragen, wann wohl diese armen Patienten das erste Mal eine solche Pille zu schlucken bekamen. Tamiflu gehört so nahe wie möglich an alle Patienten, die erste Symptome verspüren. Bei meiner Familie ist das der Erste-Hilfe- Schrank im Bad.

Wir leben nicht so nah mit den Hühnern zusammen wie die Leute in Asien. Bei uns haben aber viele Katzen das Privileg, unser Bett zu teilen, was die Hühner in Asien nicht tun. Es passiert auch einmal einer Katze, dass sie ungewollt in einen Vogelkot tritt, sich dann sauber leckt und mit dem letzten Schleck ihren Besitzer liebkost. Man könnte sich also mit einem Pandemievirus weit weg von Spital und Apotheke anstecken. Daher habe ich sogar die Rezeptpflicht von Tamiflu in Frage gestellt. Patienten sollen nicht wertvolle Zeit beim Arzt und nachher beim Anstehen in der Apotheke vergeuden. Trotzdem brüsten sich die Experten in fast jeder Talkshow, sie hätten kein Tamiflu zu Hause. Logisch, sie stehen auf der Liste der Personen, die als erste Tamiflu kriegen. Die Kosten für eine Packung Tamiflu wären da wirklich zum Fenster hinausgeworfen.

Es war auch unprofessionell, in solchen Runden die Frage nach möglichen Resistenzen gegen Tamiflu in die Diskussion zu werfen, bloss um stur am nicht funktionierenden Verteilprinzip festzuhalten. Wäre eine solche Resistenz tatsächlich eine Gefahr, so müssten die Ämter jetzt eine Empfehlung herausgeben, Tamiflu nicht gegen die normale Grippe einzusetzen. Vielleicht wollen sie das auch. Gibt es doch böse Zungen, die behaupten, in diesen Ämtern kursiere die Frage: «Hast du dieses Jahr die Grippe schon genommen?» Sollte ein Patient aber trotzdem einmal eine Packung Tamiflu verschlingen, obwohl er nur eine Erkältung hat, wird dadurch kein einziges Grippevirus resistent.

Es passiert auch einmal einer Katze, dass sie in einen Vogelkot tritt, sich sauber leckt und dann ihren Besitzer liebkost.

Nun schlage ich zudem vor, jeder Schweizer solle eine Gesichtsmaske kaufen. Dies aber nicht, um sich gegen die Vogelgrippe zu schützen. Nein, jeder, der von jetzt an meint, er hätte die «Menschen»-Grippe, soll diese Maske tragen, bevor er ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt und herumhustet. Auf dem Weg zum ärztlichen Wartezimmer könnten seine Hustentröpfchen nämlich die Pflegerin des Altersheims auf dem Nebensitz anstecken. Die Dame würde in der Folge eine Todesspur im Altersheim hinter sich lassen. Vielleicht ist ein Grippeopfer im Altersheim bloss ein Kavaliersdelikt? Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss! Ich hoffe fast auf Leserbriefe, die alternativ vorschlagen, die Bewohner der Altersheime sollten doch bitte Masken tragen, schliesslich seien wir nicht schuld daran, dass sie alt sind. In der Schweiz scheint es ein ungeschriebenes Recht zu geben, jemanden anstecken zu dürfen. Selber schuld, wer in ein Flugzeug steigt, in dem die Klimaanlage Grippeviren verteilt.

Für ein Land voller Egoisten, die eine Schutzmaske nur als Schutz vor anderen betrachten, ist mein Vorschlag undenkbar. Richtig, Schutzmasken sind nicht notwendig, falls man geimpft ist. Nun, ich bin gespannt, wie viel Grippe-Impfstoff für das nächste Jahr vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) bestellt wird.

Wie macht man die Kommunikation rückgängig, nur Risikopersonen sollten sich gegen die Grippe impfen? Früher, als der Grippe-Impfstoff noch keine Mangelware war, hat man noch richtigerweise empfohlen, jedermann solle sich gegen die Grippe impfen.

Wollen wir wirklich gegen ein mögliches Pandemievirus vorgehen, so müssen wir das Grippevirus im Tierreich und beim Menschen bekämpfen. Dies geht selbstverständlich nur mit einer vernünftigen Impfstrategie. Die Grippe können wir nicht ausrotten, indem wir sie nur in Asien bekämpfen.

Vielleicht will die Schweiz am Ende gar keinen Beitrag leisten, die Grippe zu bekämpfen? Dies würde immerhin erklären, warum wir laut unserem Bundesrat keine eigene Impf-Industrie brauchen. Der Bund rechnet schliesslich im Extremfall mit nur 50 000 Toten. Das sind bloss fünfzigmal mehr als die 1000 Toten, die wir ohnehin jedes Jahr wegen der «normalen» Grippe haben. Warum treiben wir eigentlich so viel Aufwand wegen der jährlichen 600 Todesopfer auf unseren Strassen?


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 12. März 2006, Seite 20

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