Die Mär vom unabsehbaren Risiko

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 25. September 2005, Seite 22)

Solange Darwin nicht verarbeitet ist, wird die Natur schicksalhaft böse bleiben


Beda M. Stadler

Dies ist keine Nachlese über die weltweiten Katastrophen, zu deren Lösung wir nun (Gott sei Dank?) einen amerikanischen Gebetstag haben. Baut man ein Dorf auf einem Schuttkegel, ein Haus in einer Lawinenschneise oder unterhalb des Seepegels, ist weder die Natur noch Gott am Schicksal schuld.

Die Natur hat Naturgesetze. Sie wird aber unkontrollierbar, wenn man hinter ihr einen Steuermann vermutet. Sie verliert dann unweigerlich ihre eigenen Gesetzmässigkeiten. Dem ist aber nicht so. Hurrikane kommen und gehen, ohne dass wir deswegen eine höhere Macht brauchen. Jeder kann sich als Wahrsager aufspielen, um schon bald ein grösseres Erdbeben vorauszusagen.

Der Glaube an ein ferngesteuertes Schicksal fördert aber neue Konzepte, wie etwa die Vorstellung, es gäbe «unabsehbare Risiken». Die Katastrophen der letzten Wochen waren alle absehbar. Der Anstieg der Aare in der Berner Matte mehr als ein Murgang an einem Ort, an dem seit Menschengedenken nichts passiert ist.

Aber was ist ein unabsehbares Risiko? Als Risiko betrachtet man die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schadenfall eintritt. Etwas, das nicht absehbar ist, hat keine Wahrscheinlichkeit und somit auch kein Risiko.

Falls die schrecklichen Katastrophen absehbare Risiken waren, wie schlimm muss dann ein unabsehbares Risiko sein? Versicherungen sind nicht bereit, unabsehbare Risiken zu versichern. Verständlich, entspricht doch das Wort unabsehbar einer liegenden Acht (∞), dem Unendlich-Zeichen. Mit dieser Zahl kann man nicht multiplizieren, somit keine Schäden abschätzen.

Wer denkt sich Ungeheuerlichkeiten wie ein unabsehbares Risiko aus? Ich habe im Internet nach dem Stichwort gegoogelt. Als Erstes kommt die Seite einer Vereinigung, die ihre Geldanleger schützen will. Das ist zum Lachen, wo sollen da Risiken sein? Die einen werden etwas ärmer, die anderen reicher!

Dann fand ich ein medizinisches Internetsprechzimmer, das vor dem Gebrauch von Partydrogen warnt: «Keine Substanzen mischen! Der Mischkonsum – auch mit Alkohol – birgt unabsehbare Risiken.» Wo soll da etwas Unabsehbares sein? Vielleicht der Ort, an dem man stirbt?

Als Nächstes hagelt es allerdings Webseiten, die vor gentechnischen Veränderungen warnen. Dazwischen mal kurz eine Seite, bei der es um Handystrahlung geht. Na ja! Im Zusammenhang mit der Gentechnik findet Google am häufigsten Seiten von Greenpeace (wen wundert’s?), von anderen Nichtregierungsorganisationen, vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft, aber auch von kirchlichen Organisationen.

Die unabsehbaren Risiken scheinen das Kapital all jener zu sein, die professionelle Geldbettler sind. Die Natur und ihre Gefahren alleine reichen nicht mehr aus, man muss virtuelle Ängste heraufbeschwören. Bei den echten Risiken muss man erfahrungsgemäss nur abwarten, bis etwas passiert. Die Glückskette funktioniert so. Die Spendengelder fliessen dann zu Recht, und es gibt auch in Not geratene Menschen, die dankbar sind. Wem kommt aber das Geld zugute, das für unabsehbare Risiken gesammelt wird?

Wer meint, eine gentechnische Veränderung sei ein Eingriff in die Natur, hat ein religiöses Problem.

Solange es Menschen gibt, die meinen, der Mensch könne in die Natur eingreifen, solange kann man die Angst vor unabsehbaren Risiken zu Geld machen. Der Mensch kann Dämme bauen, das ist aber kein Eingriff in die Natur. Der Mensch kann Abgase produzieren, die Vulkane werden ihn aber immer übertreffen. Greift der Mensch ein wenig in die Gene ein, soll dies ein Eingriff in die Natur sein!

Hier herrscht offensichtlich ein Begriffswirrwarr. Leute, die meinen, eine gentechnische Veränderung sei ein Eingriff in die Natur, haben ein religiöses Problem. Sie verwechseln ihre religiösen Ansichten über die Schöpfung mit der Evolution. Kein Wunder, den Schweizer Schulkindern wird sehr früh die Schöpfung eingetrichtert. Darwin wird erst später zum Thema, falls überhaupt. Die Schweizer Kreationisten freuen sich darüber. Sie brüsten sich auf ihrer Pro-Genesis- Homepage: «Für die Mehrheit der Bevölkerung hat der Ursprung des Lebens einen Bezug zu Gott.»

Es sind also nicht nur die Kreationisten, die Mühe haben, Darwin und seine Erkenntnis intellektuell oder sozial zu verarbeiten. Logisch, als Teil der Evolution wären wir gar nicht in der Lage, die Evolution zu verändern. Falls es einen Schöpfer gibt, könnte höchstens er eingreifen. Bis heute hat er das nie getan!

Die geistige Evolution gab uns Menschen aber die Möglichkeit zu reflektieren. Als Erstes drängt sich die Einsicht auf, dass etwas Unabsehbares etwa so gefährlich ist wie die Wahrscheinlichkeit, dass Asterix und Obelix der Himmel auf den Kopf fällt.

Wir könnten auch analytisch vorgehen und uns fragen, ob jemals irgendjemand in irgendeiner Weise durch Gen-Food bedroht worden ist. Schliesslich essen 200 Millionen Amerikaner seit zwanzig Jahren Gen-Food. Wahrscheinlich ist in jeder Schweizer Schokolade Lezithin aus gentechnisch veränderten Sojabohnen drin.

Richtigen Gen-Food kann man in der Schweiz allerdings nicht kaufen, das hat die Wahlfreiheit gründlich verhindert. Amerikanische Jeans und Tampons werden hingegen seit Jahren aus gentechnisch veränderter Baumwolle hergestellt. Da sowohl Hosen wie auch Tampons uns näher kommen als Gen-Food, haben wir also schon einschlägige Erfahrung mit der Gentechnik bei Pflanzen.

Aber wo bleiben bloss die unabsehbaren Risiken?


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 25. September 2005, Seite 22

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