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«Mit sachkundigen Modellen wäre die jetzige Welle vorhersehbar gewesen»

Immunologieprofessor Beda Stadler: «Wir haben eigentlich schon Covid-21».


(Nebelspalter)

Die Spitäler hätten sich besser auf den Ansturm mit Covid-Patienten vorbereiten können, sagt Beda Stadler. Der Immunologie-Professor ist für ein Impfobligatorium für das Pflegepersonal, aber gegen eine allgemeine Impfpflicht.

Von Rahel Walti

Die Corona-Fallzahlen bewegen sich auf einem Allzeithoch. Der Bundesrat verschärfte letzten Freitag die Corona-Massnahmen. Ein Impfobligatorium wird immer ernsthafter diskutiert. Der «Nebelspalter» fragte Beda Stadler, emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Uni Bern, zu seiner Einschätzung der Lage.

Herr Stadler, wie grosse Sorgen machen Sie sich, wenn Sie das aktuelle Pandemiegeschehen betrachten?

Nicht sehr grosse. Die Bevölkerung ist daran, sich gegen das Coronavirus zu immunisieren. Ein PCR-Test schlägt ja auch dann positiv an, wenn unser Immunsystem mit dem Virus prima zurecht kommt. Die hohen Fallzahlen sagen deshalb nur aus, wie verbreitet das Virus zurzeit in der Bevölkerung ist – und nicht, wie viele Menschen krank werden. Um bestimmen zu können, welchen Schaden das Virus in der Gesellschaft anrichtet, haben wir nur die Zahlen bezüglich Corona-Bettenbelegung in den Spitälern und die Zahl der Todesopfer. Und diese sind ja im Vergleich zum letzten Jahr immer noch moderat. Man sieht also, dass die Bevölkerung schon viel immuner geworden ist.

«Immunisierung ist eine graduelle Sache. Mit jedem Kontakt mit dem Virus lernt ein gut funktionierendes Immunsystem besser, mit ihm zurechtzukommen.»

Ist das nur der Impfung zu verdanken?

Sicher ist die Impfung sehr wichtig für die Immunisierung der Bevölkerung, das kann man nicht genug betonen. Doch erhärten wissenschaftliche Publikationen: Viele Menschen, vor allem Kinder, besassen von Anfang an auch eine gewisse Kreuzimmunität durch andere Coronaviren. Die meisten Menschen waren darum von Anfang an nicht komplett «naiv» gegen das «neuartige» Virus, wie es damals hiess. Das war auch der Grund, weshalb es von Anfang an so viele asymptomatische Fälle gab. Immunisierung ist eine graduelle Sache. Mit jedem Kontakt mit dem Virus lernt ein gut funktionierendes Immunsystem besser, mit ihm zurechtzukommen.

Aber die Impfung wirkt weniger gut als erhofft, zumindest weniger lang…

Anfänglich hiess es, die mRNA-Impfungen hätten eine Wirkung von 90 Prozent. Das ist ein grossartiger Leistungsausweis für eine Impfung. Bei einem Wirkungsgrad von 90 Prozent funktioniert die Impfung aber bei 10 Prozent nicht. Das entspricht rund einer halben Million geimpfter Menschen in der Schweiz. Es überrascht auch nicht, dass die Immunität nach der Impfung abnimmt. Da der mRNA-Impfstoff nicht lange im Körper wirkt, bildet dieser auch nicht sehr lange Antikörper. Man hätte also mit sachkundigen Modellen schon im Sommer vorhersehen können, was uns bezüglich Spitalkapazitäten und Boostern in etwa erwarten könnte und das gut vorbereiten können. Doch gut ist, dass jetzt mit Hochdruck geboostert wird.

«Gegen tiefverankerte Glaubensgewissheiten kommt man mit wissenschaftlichen Argumenten nicht an. Da beisst man auf Granit.»

Was halten Sie von einem Impfobligatorium?

Ich habe mich schon früher für Impfobligatorien eingesetzt – für Leute, die in Spitälern und Gefängnissen arbeiten. Das würde ich auch bei diesem Virus empfehlen. Eine allgemeine Impfpflicht für die ganze Bevölkerung hingegen schadet mit hoher Wahrscheinlichkeit politisch mehr, als es der Gesundheit der Bevölkerung nützt. Für Menschen mit einem guten Immunsystem ist dieses Virus nicht besonders gefährlich. Im Gegenteil. Für Kinder wäre von der Gefährlichkeit her eine Grippeimpfung angebrachter.

Wie kann man impfskeptische Menschen überzeugen?

Mit wissenschaftsfremden Haltungen wie der Impfskepsis schlage ich mich ja schon seit Jahren herum. All die Grippetoten, die wir stets in Kauf genommen haben, wo das Impfen eine so intelligente Abhilfe schaffen würde: Wir trainieren das Immunsystem rechtzeitig auf die Abwehr eines Virus, damit es parat ist, wenn es dem echten Virus begegnet. Aber meine Erfahrung ist: Gegen tief verankerte Glaubensgewissheiten ist mit wissenschaftlichen Argumenten nicht anzukommen. Da beisst man auf Granit. Das ist ja auch bezüglich Homöopathie, Biogemüse und Genmanipulation nicht anders.

«Spitäler müssen sich besser rüsten. Solche Wellen kann es auch künftig wieder geben.»

Was denken Sie zu Omikron?

Die Geschwindigkeit der Verbreitung eines Virus hängt nicht nur von der Anzahl unserer Kontakte ab, sondern auch mit seiner Ansteckungsfähigkeit. Wenn nun Omikron in dem Tempo kommt, wie man derzeit vermutet, verbreitet es sich sowieso sehr schnell. Gibt es milde Verläufe – und in der Regel weisen schneller verbreitende Mutationen mildere Verläufe aus – kommt uns das sogar zugute, da sich die Bevölkerung mit einer milderen Variante weiter immunisieren kann.

Und wenn nicht?

Das Coronavirus ist daran, endemisch zu werden und wird uns auch künftig im Winter mit Mutationen und je nachdem mit erhöhten Fallzahlen ärgern. Insofern haben wir jetzt eigentlich auch nicht mehr Covid-19, sondern schon Covid-21. Je nach Durchimpfungsgrad und Therapiemöglichkeiten werden diese Wellen auch künftig Herausforderungen für die Spitäler bedeuten. Die Spitäler und die Politik müssen sich jetzt also rüsten, um mit diesen Wellen klarzukommen.

Beda Stadler

Der 71-jährige war bis zu seiner Emeritierung Professor und Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern. Als Wissenschafter durch und durch war er dank seinen fachkundigen Einschätzungen schon bei früheren Epidemien wie der Vogelgrippe oder der Schweinegrippe eine wichtige Stimme in der Schweizer Öffentlichkeit. Zudem wurde er bekannt für seine immer wieder pointiert vorgetragenen Kommentare gegen gesundheitspolitische Überzeugungen, die quer liegen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Quelle: https://www.nebelspalter.ch/beda-stadler-«mit-sachkundigen-modellen-waere-die-jetzige-welle-vorhersehbar-gewesen»

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2 Gedanken zu „«Mit sachkundigen Modellen wäre die jetzige Welle vorhersehbar gewesen»“

  1. Lieber Beda
    Verfolge Deine wissenschaftlichen Kommentare seit Jahren und bin überzeugt von Deinen Argumenten. Als 3-fach geimpfter und als Covit infizierter (Oktober 2020) muss ich aber auf die Folgen in der Wirtschaft und den Angestellten aufmerksam machen. Da bin ich auch selber leidtragender. Diese Probleme werden akuter nach jedem Entscheid der Politiker. Ich hoffe, das ebenfalls diese Problem angegangen und recherchiert werden.

  2. Ruedi Bosshart

    «Man hätte also mit sachkundigen Modellen schon im Sommer vorhersehen können, was uns bezüglich Spitalkapazitäten und Boostern in etwa erwarten könnte und das gut vorbereiten können.»
    Ja, richtig. Noch einfacher wäre es gewesen, die Kollegen in Israel anzufragen ,— denn dort wurde bereits
    Anfang Juli mit dem «Boostern» der Hochrisikopersonen begonnen.
    Und ja, in Israel ist bereits der zweite Booster unterwegs!

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