Kirchtürme und Minarette

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 27. Juli 2008, Seite 16)

Ja oder Nein sagen ist schwierig: Türme sind das eine, der irrationale Inhalt das andere


Beda Stadler

Die Minarett-Initiative strapaziert unsere Demokratie, aber nicht so, wie der Bundesrat meint. Dagegen zu sein, bloss um den Religionsfrieden zu bewahren, ist ein Witz. Als ob es jemals eine friedliche Religion gegeben hätte! Einen Religionsfrieden schliesst man nach einem Religionskrieg. Religionen sind nur friedlich, solange es keine anderen Religionen oder Götter in der näheren Umgebung gibt.

Unsere Demokratie wird strapaziert, weil wir immer noch im Korsett des Ja-Nein-Sagens stecken. Die Zeiten sollten vorbei sein, als man den Säbel hoch oder tief hielt, um Ja oder Nein zu sagen. Ich kenne fast keine ernsthaften Fragen, die mit dem Wörtchen Ja oder Nein befriedigend zu beantworten sind. Die Minarett-Initiative ist ein typisches Beispiel dafür. Es ist eine Zumutung, fast eine Erpressung, wenn man den Bürger zu einer komplexen Thematik befragt, ihm aber nur die Gelegenheit gibt, Ja oder Nein zu sagen. Oft muss wenig passieren, damit jemand sein Jawort, das er vielleicht sogar in der Kirche abgegeben hat, revidieren möchte. Seine Überzeugung muss er dabei aber nicht grundsätzlich geändert haben.

Wir sollten einen zeitgemässen Abstimmungsmodus finden, bei dem dem Bürger eine Reihe von Fragen zum Thema vorgelegt wird, die allesamt herbeigezogen werden können, um die Volksmeinung herauszukristallisieren. Bei der Minarett-Initiative geht es vermutlich um die Frage, was die Leute neben dem Minarett im Tempel treiben. Soll der Türmchen- Widerstand die Tatsache «verschleiern », dass alle Monotheisten dem gleichen Gott huldigen? Oder geht es um architektonische oder landschaftsschützerische Überlegungen? Sind es Sicherheitsüberlegungen, weil wir Angst vor Bombenlegern haben? Geht es um unsere Kultur oder um Gott und die Welt? Nun, auf diese Fragen hat niemand eine Ja- oder Nein-Antwort parat.

Ich möchte mich nicht hinter einem feigen Relativismus verstecken. Nein, man kann trotzdem zu diesen Fragen eine klare Meinung haben. Religion ist Gift für das menschliche Gehirn, weil in allen Kirchen und Tempeln dieser Welt die Unfehlbarkeit gepredigt und somit die Irrationalität gepflegt wird. Darin sind sich alle Monotheisten gleich. Alle bauen ihre Türme, mit Ausnahme der Satanisten, die wahrscheinlich Löcher graben. Doch solange religiöse Menschen unsere Kinder in Ruhe lassen und ihr Treiben auf Gebäude beschränken, neben denen ein Turm steht, kann das uns eigentlich egal sein.

Ich kenne wunderschöne Minarette. In Istanbul sind die Moscheen eine Zierde der Stadt. Selbst dort sehen allerdings einige Minarette eher wie russische Langstreckenraketen aus. Auch bei uns gibt es prächtige Kirchen, aber auch zahlreiche Dörfer, die durch hässliche Kirchtürme verschandelt sind. Um dieses Problem zu lösen, existieren genügend demokratische Rechte. Jedes Dorf hat die Wahl, mit was für Türmen es verschönert (Siena, du bist ein Vorbild!) oder verschandelt wird. Schliesslich kriegen die Basler einen «Roche»-Turm, der alle anderen Türme in den Schatten stellen wird. Ich nehme also an, bei der Minarett-Initiative geht es nicht um das Turmbauen an und für sich, also möchte ich auch nicht mit Ja oder Nein dazu antworten.

In allen Kirchen und Tempeln dieser Welt wird die Unfehlbarkeit gepredigt und somit die Irrationalität gepflegt.

Die Nein-Stimmen werden genauso wenig interpretierbar sein wie das Nein der Iren zum Vertrag von Lissabon. Jeder weiss, das Abstimmungsproblem wäre innert kürzester Zeit lösbar. Man könnte seine Stimme per Internet, per SMS oder per Knopfdruck abgeben. Derartigen Lösungen vertrauen wir längst, wenn es darum geht, unsere Geldgeschäfte abzuwickeln, aber unsere zweideutige Meinung scheint nur Papier auszuhalten. Falls es trotzdem noch Fragen gibt, die man klar mit Ja oder Nein beantworten kann, wird ein Knopfdruck das auch erledigen: Zum Beispiel «JA, ich will nie mehr bloss mit Ja oder Nein abstimmen müssen». Schliesslich kann nicht jeder Karikaturen zeichnen, um seine Meinung zu sagen.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 27. Juli 2008, Seite 16

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