Ku-Klux-Klan in der Schweiz?

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 29. Juni 2008, Seite 18)

Die vermummten Schweizer Anti-Gentechnik-Vandalen evozieren fatale Vergleiche


Beda Stadler

Wollen wir nicht hoffen, dass es den Ku-Klux-Klan in der Schweiz gibt. Es gibt allerdings etwas Vergleichbares. Der rassistische Klan bedrohte Andersdenkende: Seine Mitglieder verrichteten ihre Taten meist vermummt und nachts. Seit dem 13. Juni kann man daher eine Parallele mit radikalen Gentechnik-Gegnern konstruieren. Vermummt und nachts haben sie ein Versuchsfeld mit gentechnisch verändertem Weizen der Forschungsanstalt Agroscope in Zürich Affoltern zerstört und die dort anwesenden Personen bedroht.

Die klandestine Aktion rechtfertigt allein noch keinen Vergleich mit dem Ku-Klux-Klan. Es gibt aber weitere Parallelen. Die Kapuzengewänder der Klan-Mitglieder wurden mit der Zeit weiss, weil sie damit die «Reinheit und Sauberkeit» in Abgrenzung zu den angefeindeten Gruppen, wie etwa den Schwarzen, symbolisieren wollten. In Deutschland nennen sich die Feldzerstörer «Gendreck-weg». Neben diesem Reinheitsfimmel steht auf ihrer Homepage: «Es sind nicht nur die Menschen, die sich entscheiden, aktiv Gentechnik-Feldern zu Leibe zu rücken – hinter ihnen stehen Hunderte, Tausende von Menschen, die sich solidarisch erklären.»

In der Schweiz nennen sich die Gläubigen des sozialen Ungehorsams: «Kollektiv Freitag 13.»; wahrscheinlich in Anlehnung an eine schwarze Katze. In einem Bekennerschreiben prangern sie «Reichtum und Macht einiger multinationaler Konzerne» an. Die Schweizer Saubermänner sind trotzdem nur gewöhnliche Fundamentalisten, und solche Leute brauchen Rückendeckung, ein Bett, in das sie sich verkriechen können. Der Ku-Klux- Klan betrachtet sich als eine radikale christliche Organisation. Die moderaten Christen tadeln ihre Methoden, aber die Wärme des Betts hat man ihnen nie entzogen. Dieses Heimspiel haben auch unsere radikalen Gentech-Gegner.

Die schweizerische Arbeitsgruppe Gentechnologie distanzierte sich lau vom Vandalenakt. Die Organisationen unter diesem Dach, wie etwa Swissaid, die Stiftung für Konsumentenschutz, Greenpeace, WWF und Pro Natura, gaben keine Kommentare ab. Seit Jahren behauptet hingegen Greenpeace: «Jede Gentech-Freisetzung kann die Umwelt schädigen.» Genau auf solchen Glaubenssätzen basiert der Widerstand der Fundamentalisten.

Auch der Bauernverband verurteilt die Zerstörung des Freisetzungsversuchs mit der Formulierung «in aller Deutlichkeit». Deutlich ist das nicht, weil im nächsten Satz bereits die bundesrätliche Verlängerung des Gentech- Moratoriums unterstützt wird. Das tönt wie: Die Gentechnik ist so gefährlich, dass die Schweiz weitere drei Moratoriums-Jahre braucht! Der Bauernverband muss realisieren, wie viel moralische Unterstützung damit den Fundamentalisten geliefert wird.

Es wird interessant sein, zu sehen, wie lange es geht, bis die 35 Vandalen gefasst sind. Wird je auffliegen, zu welchen moderaten Anti-Gentech- Vereinigungen sie gehören? Die stummen Gentechnik-Gegner müssen endlich ihr verbales Spiel mit den «unabsehbaren Risiken» hinterfragen. Virtuelle Risiken dürfen nicht ausreichen, damit gewalttätige Leute nachts vermummt durchs Land ziehen. Jeder, der vor der Gentechnik warnt, sollte eine konkrete Gefahr aufzeigen müssen. Jede Technologie hat Risiken, aber wo sind die konkreten Gefahren der grünen Gentechnologie, die Gewalt rechtfertigen würden?

Jede Technologie hat Risiken, aber wo sind die Gefahren der grünen Gentechnologie, die Gewalt rechtfertigen?

Die den Blick einschränkenden Kapuzen der Vermummten könnten ironischer nicht sein. Dank der grünen Gentechnik hatten wir während der letzten zehn Jahre bereits gewaltige Umwelt-Vorteile. Wegen der gentechnisch veränderten Pflanzen musste weniger zu Acker gefahren werden, und es wurde weniger gepflügt, wodurch mehr CO2 im Boden blieb. 2006 betrug die Einsparung 14,8 Milliarden Tonnen CO2, was gleich viel ist, wie wenn jährlich 6,6 Millionen Autos von der Strasse genommen würden. Leider sind die Autos, die nachts Vandalen herumkutschieren, nicht dabei.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 29. Juni 2008, Seite 18

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