«Jeder soll selbst entscheiden dürfen, wann er geht»


(Der Bund)

Streitbarer Immunologe Beda Stadler

Als Corona ausbrach, gehörte Beda Stadler zu den grössten Kritikern des Bundesrats. Dann starb er beinahe. Jetzt ist er in fast schon alter Form zurück.

Von Cyrill Pinto

Beda Stadler vor seinem Haus in Zeneggen VS: Der streitbare Immunologe überlebte mehrere Hirnschläge, eine Lungenentzündung und eine Covid-19-Erkrankung.
Foto: Andrea Soltermann

Stadler erlitt im letzten Herbst nach einer Hirnoperation mehrere Hirnschläge, epileptische Anfälle und durchlitt eine Lungenentzündung. Fast vier Wochen lag er im Koma, dem Tod näher als dem Leben. Während der Zeit, in der er langsam wieder sein Bewusstsein erlangte, hatte er auch Halluzinationen. «Es war wie ein Zweikampf zwischen dem Ich und dem Hirn», berichtet Stadler bei einem Treffen in Zeneggen VS, wo er sich von seinem langen Spitalaufenthalt erholt. Eine seiner ersten Erinnerungen nach dem Delirium – der Aufwachphase, die immer auf ein Koma folgt – war der Arzt, der ihm sagte: «Sie hatten übrigens Covid-19.»

Alles begann mit starken Kopfschmerzen, Schwindel und Sehstörungen. Untersuchungen zeigten ein erweitertes Blutgefäss im Hirn. Der Neurochirurg klemmte das Aneurysma ab. Die Operation war gelungen. Doch bei der Nachkontrolle zeigte sich: Zwischen zwei Blutgefässen hatte sich eine Fistel gebildet, der dahinter liegende Teil des Hirns wurde zu wenig durchblutet.

«Ich war auf der anderen Seite», scherzt Stadler, «doch dort ist nichts.» Der überzeugte Atheist ärgert mit dieser Erkenntnis gerne auch seine gläubigen Mitbürger in seiner neuen Heimat: «Dem Gemeindepräsidenten habe ich vorgeschlagen, dass ich über meine Nahtoderfahrung gerne mal eine Predigt halten würde», lacht Stadler.

Im katholischen Oberwallis aufgewachsen, hat Stadler als Kind Priester gespielt. Mit Stola und Monstranz zelebrierte er mit den Nachbarskindern im Garten die Messe. «Ich wollte Papst werden – und als erste Amtshandlung hätte ich den Zölibat abgeschafft.» Inzwischen ist Stadler Atheist geworden und engagiert sich in der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung.

Stadler: «Man hätte früher mit der Sequenzierung des Virus beginnen sollen.
Foto: Andrea Soltermann

Etwas müde wirkt er nach seiner langen Zeit im Spital. Noch darf er nicht Auto fahren, und seiner Frau Heidi traut er auch nicht so richtig: «Sie sagt, sie fahre gut, nur parkieren könne sie nicht – das macht mich misstrauisch.»

Nach seiner Pensionierung vor über sechs Jahren verlegte der ehemalige Professor der Uni Bern seinen Wohnsitz in seine alte Heimat. Sein Ferienhaus, oberhalb von Visp gelegen, bewohnt er nun das ganze Jahr über. Dunkel gestrichenes Holz, rote Fensterläden, ein Giebeldach – genau so stellt man sich ein Ferienchalet vor. Inzwischen hat der passionierte Koch das Haus mit einem Pizzaofen aufgerüstet und erholt sich an der Walliser Sonne von seinem gesundheitlichen Rückschlag.

Stadler hält die Massnahmen des Bundesrats für übertrieben

Doch selbst aus seiner Erfahrung zieht Stadler Argumente für seine kontroverse Haltung zur Epidemie: «Mein Beispiel zeigt, wie selektiv das Virus ist. Sogar gesundheitlich schwer angeschlagene Risikopersonen wie ich können das Virus fast unbeschadet überstehen.» Nur sein Geschmackssinn hat sich seit der Corona-Infektion noch nicht erholt. Einige Nahrungsmittel schmecken für ihn eklig.

Kritisch ist Stadler weiterhin gegenüber den Massnahmen des Bundesrats zur Bewältigung der Pandemie. «Es wird keine zweite Corona-Welle geben», sagte Stadler in einem Interview mit dieser Zeitung nach der ersten Welle im vergangenen Juni. Hinter dieser Aussage steht Stadler noch heute. Selbst nachdem er realisierte, wie verheerend die zweite Welle war: «Es wäre wichtig gewesen, das Virus früh zu sequenzieren. So hätte man herausgefunden, welche Mutation für die schweren Verläufe verantwortlich ist», erklärt Stadler. So hätte man gezielter gegen das Virus vorgehen können – «und müsste nicht das ganze Land zusperren». Und man hätte eine zweite Welle verhindern können. «Aber diese Botschaft passt nicht ins Narrativ über das gefährliche neue Virus.»

Stadler über den Tod: «Auf der anderen Seite ist nichts – ich weiss es jetzt.»
Foto: Andrea Soltermann

Zweimal habe ihn der Bundesrat gebeten, bei der Covid-Taskforce des Bundes mitzuwirken, doch der emeritierte Professor lehnte ab. «Ich will meinen Ruhestand geniessen und nicht dauernd nach Bern fahren.» Er habe stattdessen seine Vorschläge zur Bewältigung der Pandemie in einem Aufsatz veröffentlicht.

Unter anderem schlug Stadler eine Stop-and-go-Strategie vor, die dann wissenschaftlich überprüft werden sollte. «Nur so können wir feststellen, ob die getroffenen Massnahmen wirksam sind.» Denn es sei ein grosses Missverständnis, dass Forscher in eine Kristallkugel blicken könnten. «Wir können nur in die Vergangenheit blicken und dann anhand der Fakten beurteilen, wo wir richtig lagen.»

In den Altersheimen wurden Menschen isoliert, die sterben wollten

Stadler war schon immer ein Verfechter neuer Technologien, stritt mit Simonetta Sommaruga, damals noch Konsumentenschützerin, öffentlich über gentechnisch veränderte Lebensmittel. «Die neue mRNA-Impfung gegen Covid-19 ist ein grosser Durchbruch. Nicht nur Virusinfektionen, auch andere Krankheiten wie etwa Krebs werden damit in Zukunft behandelt werden können», prophezeit Stadler.

Für ihn sind Impfskeptiker, die im Gesundheitswesen arbeiten, etwa in Altersheimen, schlicht am falschen Ort: «Wenn man einen Beruf wählt, wo man jeden Tag in engem Kontakt zu Menschen steht, muss man die Impfung über sich ergehen lassen», so Stadler. «Übrigens nicht nur Pflegerinnen, auch für Mitarbeiter im Strafvollzug oder für Polizisten sollte die Impfung obligatorisch sein – aber nicht für die ganze Bevölkerung.»

Wenn irgendwann alles vorüber sei, werde die Pandemie bestimmt differenzierter betrachtet, glaubt Stadler. «Haben wir richtig gehandelt?» Man habe wohl auch viele Menschen geschützt, die eigentlich bereit waren, zu sterben, findet Stadler mit Blick auf die Altersheime und sagt: «Jeder Mensch muss selbst entscheiden dürfen, wann er geht.»

Quelle: https://www.derbund.ch/jeder-soll-selbst-entscheiden-duerfen-wann-er-geht-290146121568

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2 Gedanken zu „«Jeder soll selbst entscheiden dürfen, wann er geht»“

  1. Hans-Peter Wild

    Nahtoderfahrung:
    Ich habe mich immer gewundert, wie Leute ihre Nahtoderfahrungen beschrieben haben.
    Vor einem Jahr hatte ich eine bilaterale, virulente Lungenembolie. Ich erwachte am Morgen um 7 Uhr und wollte auf die Toilette bekam aber keine Luft, wie wenn mir jemand Nase und Mund zuhalten würde. Ich brachte keinen Ton heraus. Nach 5-6 Metern fiel ich in der Toilette zu Boden. Es war wie wenn mir jemand den Stecker gezogen hätte.
    Ich erwachte erst als meine Frau mich im Badezimmer zu reanimieren versuchte. Dort lag ich auf dem Rücken und konnte wieder atmen. Scheinbar hatte sich das Gerinsel bei meinem Sturz verschoben. Ich wurde vom Krankenwagen abgeholt und ins Triemlispital gebracht wo ich fünf Tage verbrachte. Ich kann aber ihre Aussage, dass da drüben nichts ist bestätigen.

  2. Alexander Sawadsky

    «Ich war auf der anderen Seite, doch dort ist nichts.»
    So ganz drüber waren Sie aber gar nicht, oder Herr Professor Stadler? Außerdem wer sagt denn, dass so eine Nahtoderfahrung zwingend der zündende Funken sein müsste? Ein Vater des christlichen Glaubens sagt jedenfalls:

    “Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, so würden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer aus den Toten auferstände!” – Lukas 16, 31

    Der Glaube an Jesus Christus – nicht an eine Kirche – entscheidet sich bereits an den Themen, die am Anfang der Bibel behandelt werden. Schöpfung, Sündenfall und die Geschichte des Volkes Israel. Wenn man es für glaubwürdiger halten will, komplexe Organismen, deren Leben unter anderem auf einem hochkomplexen genetischen Code basiert, könnten ohne Zutun von Intelligenz entstanden sein, kann man das gerne machen. Wir sind als freie (und verantwortliche) Wesen geschaffen.
    Ich als einfacher Mann finde es aber konsistenter, hier eine Intelligenz vorauszusetzen. Schließlich gehe ich auch arbeiten und mache mir Gedanken darüber, wie ich Ordnung ins Chaos bringen kann oder wie ich systematisch vorgehen kann, um eine Problemstellung zu lösen. Und die Ergebnisse meiner Arbeit kommen nicht annähernd an das heran, was ich in meinem eigenen Körper an genialen Konstruktionen vorfinde.
    Die Frage nach Gott ist nicht ausschließlich eine Frage des Intellekts und auch nicht der Erfahrung. Die Frage nach Gott hat auch etwas mit Entscheidung zu tun. Bin ich wirklich an der Wahrheit interessiert? Man kann auch fragen, gebe ich der Wahrheit die Chance, mich von ihr zu überzeugen?

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