Die Bio-Masern gehen um

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 4. Mai 2008, Seite 20)

Um den Hunger der Welt zu lindern, braucht es Genfood, kein Wellness-Gemüse


Beda M. Stadler

Vielleicht sind Schweizer Biokühe glücklicher, weil sie weiterhin fünf Prozent normales Futter kriegen. EU-Biokühe müssen sich von 100 Prozent Biofutter ernähren. Die Schweizer Biobauern haben Druck gemacht, für ihre Kühe eine Ausnahme zu erhalten, weil Biofutter zu teuer sei. Nun, das Biofutter für den Menschen ist auch zu teuer, aber das scheint den Biobauern keine Sorge zu bereiten. Eines steht fest: Für die Hungerleidenden dieser Welt wird Biofutter für immer und ewig zu teuer sein. Jetzt, da dank der Biosprit-Debatte wieder einmal die Hungerfrage in unser Bewusstsein gerückt wurde, werden die Schuldigen gesucht.

Das bringt uns zu den Masern, da hier ebenfalls die Schuldfrage diskutiert wird. In Österreich beschäftigt sich gar ein Staatsanwalt damit, und wir sollten auch einmal darüber nachdenken. In erster Linie darf man wohl die Eltern aus der Liste der Hauptschuldigen streichen, da die Durchschnittsmutter nicht Medizin studiert hat, und falls doch, ihre Kinder geimpft sind. Es bleibt also die Frage, wer den Eltern die Flausen, Kinder nicht zu impfen, in den Kopf gesetzt hat. Es bieten sich Alternativmediziner an, die an Mutter-und-Kind-Veranstaltungen über die Gefahren der Impfung Vorträge halten. Im gleichen Boot sitzen andere Heiler, die gerne bei den meist komplikationslos verlaufenden Kinderkrankheiten zuschauen und im Fall einer Selbstheilung behaupten, ihre Wässerchen hätten die Heilung bewirkt. Zudem gibt es impfkritische Organisationen, die davon leben, den Eltern das Impfen zu vermiesen, bis hin zur Stiftung für Konsumentenschutz, die dubiose Broschüren mit sogenannt impfkritischen Informationen herausgibt.

All diese Leute sind im Moment daran, die Schuldfrage den Eltern in die Schuhe zu schieben. Vielleicht aus Angst, die Schweiz könnte ebenfalls einen mutigen Staatsanwalt gebären, der die Schuldfrage stellt. Interessanterweise sind die gleichen Leute, die sich als Impfkritiker äussern, fast immer auch im Lager der Gentechnikgegner. Aus dem Dunstkreis der alternativen Bio- und Medizinszene kommen jeweils die heftigsten Aufschreie, falls man erwähnt, die Gentechnik könnte allenfalls einen Beitrag zum Lösen des Hungerproblems bieten.

Eigentlich müsste es sich langsam herumsprechen, dass «Bio» gar nicht so nachhaltig und schon gar nicht ökologischer als IP ist. Man braucht, um Bioprodukte anzubauen, noch einmal die gleich grosse Fläche, um den nötigen Biodünger herzustellen. So etwas kann man sich in Europa leisten, wo «Bio» ein Wellnessprodukt im Luxussegment ist. Derartig romantisches Gedankengut ist aber nicht besonders ethisch für hungernde Länder mit zu wenig fruchtbarem Boden. Wir Reichen können Ackerflächen verschwenden, da wir bei Engpässen die Grundnahrungsmittel oder gar den Biosprit aus den Entwicklungsländern importieren können.

Die Bioanbaufläche ist allerdings nicht der Hauptgrund für die Mitschuld, sondern es ist die fundamentalistische Ablehnung der Gentechnik durch die Ökofundis. Nicht unser Gentech-Moratorium ist schlimm, sondern das Zeichen, das gesetzt wurde, weil damit auch der Import von gentechnisch veränderten Produkten verhindert wird. Damit die Ärmsten dieser Welt bessere und gesündere Pflanzen mit mehr Ertrag anpflanzen, brauchen sie logischerweise Absatzmärkte. Wer will schon gentechnisch veränderte Produkte nach Europa exportieren, wenn hier Genfood für die Zulassung wie ein Medikament behandelt wird? Selbstverständlich ist es ein Vergehen an der Menschheit, wenn man Nahrungsmittel zu Biosprit macht, aber noch grösser ist das Vergehen, wenn man von Europa aus versucht, eine vernünftige, ökologische Landwirtschaft, die sich auch bei der Gentechnik bedient, zu verhindern.

Eines steht fest: Für die Hungerleidenden dieser Welt wird Biofutter für immer und ewig zu teuer sein.

Sollten die Masern die Fussball- Europameisterschaft verhindern, wäre dies harmlos im Vergleich zum Export von Masern und virtuellen Ängsten vor der Gentechnik in die Dritte Welt durch wissenschaftsfeindliche Kreise.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 4. Mai 2008, Seite 20

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