Was ist so schlimm an Scientology?

(Achgut.com)

Wer Scientology verbieten will, muss auch die klassischen Kirchen und sämtliche Sekten abstrafen. Sie alle verfechten merkwürdige Dogmen, nehmen ihre Mitglieder aus, betreiben allerlei Hokuspokus und sind wissenschaftsfeindlich…

Erschienen in DIE WELTWOCHE Nr. 1/2008

Die Scientology-Kirche wird nicht aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen angegriffen. Nicht Dogmen haben die Kritiker im Auge, sondern Profaneres: Die Scientologen seien eine ernste Bedrohung der Gesellschaft, moralisch, sozial, medizinisch, heisst es. Ihre Anhänger seien Verführte, seien Seelenkranke.

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Betrug; Wucher; Ruinierung von Kunden; Ausbeutung der Mitarbeiter; Zerstörung persönlicher und familiärer Bindungen und letztlich der Persönlichkeit selbst; Verletzung der Grund- und Menschenrechte ihrer Anhänger und ihrer Kritiker; Unterwanderung des Staates und der Wirtschaft. Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt urteilte 2001: «Zusammengefasst handelt es sich bei Scientology um einen vertrauensunwürdigen destruktiven Kult mit höchstens quasi-religiöser Bedeutung.»

Doch selbst wenn alles wahr ist, was man den Scientologen anlastet, so gehen auf ihr Konto keine Selbstmassaker wie bei anderen Sekten. Keine Religionskriege und keine Selbstmordattentäter, wie sie etablierte Religionen hervorbringen. Vielleicht sind deren Exponenten schlicht neidisch auf Scientology – wegen deren prominenter Aushängeschilder Tom Cruise, John Travolta und anscheinend jetzt auch der fünffache Grammy-Gewinner Usher. Traditionelle Kirchen und Sekten müssen ihre Ikonen via Personenkult, Märtyrertum, Heiligsprechung selber generieren. Dabei kann es zu Pannen kommen: Mutter Teresa wurde postum als Glaubenszweiflerin, ja Atheistin geoutet.

Klar, der Scientology-Gründungsmythos klingt etwas gar LSD-verträumt. Er stammt von L. Ronald Hubbard, einem Science-Fiction-Autor. An die Stelle des allwissenden, persönlichen Schöpfer-Gottes tritt ein Reinkarnationsglaube und eine Pseudowissenschaft. Die Xenu-Saga handelt von einem bösen intergalaktischen Herrscher, der Thetane von anderen Planeten auf die Erde verschleppte und diese hier vernichtete. Seither befallen sie als eine Art unsterbliche Seelen die Menschen und schränken sie ein.

Kurios? Christen glauben, ihr Gott habe seinen Sohn auf die Welt gesandt, um die Erbsünde, die keiner persönlich begangen hat, zu tilgen. Ein Muslim wiederum zweifelt nicht, dass Mohammed auf einem Pferd in den Himmel flog. Bisher hat noch jeder Messias auf diesem Planeten für neue Schwierigkeiten gesorgt. Hubbard, die aufgepimpte Neuauflage, darf man wenigstens als Karikatur zeichnen, ohne vor einem Selbstmordkommando Angst haben zu müssen.
Wie hören sich denn die christlichen Mythen für den Ungläubigen an? Da gibt es einen Gott, dessen Sohn an ein Holzkreuz genagelt wird und stirbt. Nach drei Tagen fliegt der Sohn in den Himmel. Später wird seine Mutter, die ihn hervorgebracht hat, ohne Sex gehabt zu haben, ebenfalls weggebeamt. Bevor man sich über Absurditäten wie die Xenu-Mythologie lustig macht, sollte man über einen Gott nachdenken, der von Abraham verlangte, seinen Sohn Isaak zu schlachten.

Rassistisch, zynisch, grausam sind die Geschichten der Bibel. Etwa die, in welcher der Pöbel von Abrahams Neffen Lot verlangt, die beiden Engel, denen er Gastrecht gewährte, zwecks Vergewaltigung herauszurücken. Lot hat eine perverse Lösung parat: «Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne; die will ich herausgeben unter euch, und tut mit ihnen, was euch gefällt.»

Wir sollten einsehen, dass alle «Kirchen» für Kinder problematisch sind. Und in allen Kirchen findet man leider Exegeten, die dem Absurden eine tiefere Moral zuschreiben.

Gewisse Scientology-Technologien, etwa das Auditing, zielen darauf ab, den Thetan teilweise wieder in Ordnung zu bringen. Scientology will so das geistige und körperliche Wohlbefinden der Anhänger steigern und selber mehr Geld verdienen. Keine andere Religion hat ein derart unverkrampftes Verhältnis zum Kapital (mehr dazu später). Aber verwandte Praktiken. Katholiken waschen ihre schwarzen Seelen mit der Beichte rein. Früher mussten sie für den Ablass bezahlen, obwohl Jesus, der die Händler aus dem Tempel gejagt hatte, dafür nicht als Vorbild dienen konnte. Sind unsere Kirchtürme (und bald die Minarette) wirklich viel harmloser als der Scientology-Stand in der Einkaufsstrasse?

Der Scientology-Experte der Evangelischen Kirche Berlin meint, Scientology sollte als «verfassungsfeindliche Organisation» verboten sein. Anfang Dezember waren sich alle 17 deutschen Innenminister von Bund und Ländern einig, «dass wir Scientology für eine nicht mit der Verfassung vereinbare Organisation halten». Was muss man verbrochen haben, um als verfassungsfeindliche Organisation eingestuft zu werden? Kreationisten glauben, es hätte eine Schöpfung in sieben Tagen gegeben, obwohl die Evolution wissenschaftlich bewiesen ist. Die Schöpfung zu predigen, ist wissenschaftlicher Unsinn, aber nicht verfassungsfeindlich, schliesslich kommt dieses Wort nebst «Gott dem Allmächtigen» in der Präambel unserer Verfassung vor.

Unser säkularer Staat gibt eben einigen Religionen Rückendeckung. Wie würden wir aber mit einer Sekte umgehen, die ihren Frauen strikt verbietet, Pfarrer zu werden? Das wäre zweifellos ein Verstoss gegen die Gleichstellung der Frau. Die katholische Kirche steht wie ein Fels in der Brandung, wenn es darum geht, die Frauen vom Altar fernzuhalten. Nehmen wir einmal an, Scientology sei effektiv verfassungsfeindlich – wie soll man dann gleichzeitig das Verstossen der katholischen Kirche gegen die Gleichstellung von Mann und Frau bezeichnen?

Werden die Scientologen dermassen angefeindet, weil sie die Konkurrenz der Kirchen sind? Nüchterne Schätzungen gehen von 100?000 bis 500?000 Mitgliedern weltweit aus. Sind es Leute, die man wieder in den Schoss der Kirche zurückholen möchte? Der Verdacht ist angebracht, der Kreuzzug gegen Scientology beruhe nicht auf einer Gefahr für die Welt, sondern eher für die christlichen Weltreligionen selber. Diese kämpfen mit allen Mitteln gegen den Mitgliederschwund. Der Papst lässt die lateinische Liturgie wieder zu, damit die erztraditionalistischen Lefebvre-Anhänger wieder zu ihm zurückfinden, und träumt gar davon, dass die Protestanten wieder zurück ins Glied treten. Als Atheist träumt man eher, die Monotheisten würden endlich fusionieren und ihre Grabenkämpfe einstellen.

Scientology-Mitglieder dürfen keinerlei Psychopharmaka nehmen. Bereits in den achtziger Jahren startete eine Kampagne gegen die Verschreibung von Ritalin bei Kindern mit Hyperaktivitätsstörung. Wenn die Scientologen ihren Mitgliedern zu wenig medizinische Hilfe zukommen lassen, geht das eindeutig zu weit. Nur, in der Schweiz läuft eine Initiative zur Installierung der Alternativmedizin, wo es letztlich um das Gleiche geht: Eine Glaubensgemeinschaft will ein Behandlungsmonopol für bestimmte Krankheiten, die oft gar keine sind, um diese mit homöopathischen «Medikamenten», die nicht einmal Wirkstoffe enthalten, zu behandeln. Für die Zeugen Jehovas, die Bluttransfusionen ablehnen, unterhält das Inselspital in Bern ein freiwilliges Pikett-Team. Hier wird die Glaubensfreiheit zu einem höheren Gut als der Eid des Hippokrates.

Scientologen benutzen zum Auditing ein E-Meter. Eine Art Lügendetektor, wobei der «Verhörte» zwei Elektroden in den Händen halten muss und der Auditor den Ausschlag einer Nadel beobachtet. Solchen elektronischen Voodoo findet man nicht alleine bei den Scientologen. Andere Therapieformen wie die Akupunktur, die Kinesiologie, die Bioenergetik oder die Cranio-Sacral-Therapie basieren ebenfalls auf Prinzipien, die einem Elektroingenieur die Haare zu Berge stehen lassen. Ein E-Meter kostet etwa 5000 Franken, ein Bioresonanzgerät 1000 bis 20?000 Franken, je nachdem, wie viele Kurse man für die Handhabung absolviert. Und immerhin kostet der BioresonanzZauber den Patienten 120 Franken pro Sitzung.

Man darf Scientologen vorwerfen, dass sie ihre Mitglieder finanziell ausnutzen, nur stimmt das für andere Kirchen auch, Mormonen müssen gar einen Zehntel abtreten. Alle Schweizer, die noch nicht zur Kirche ausgetreten sind, kriegen einen staatlichen Einzahlungsschein, um ihre Sünden zu sühnen. Sogar muslimische und jüdische Firmen müssen in der Schweiz Kirchensteuer bezahlen. Ein Begehren der SVP Zürich, die Kirchensteuer für Firmen abzuschaffen, scheiterte kürzlich. Firmen liefern dort rund 80 Millionen Franken pro Jahr ab. Im Kanton Bern wird gar auf Lotteriegewinne eine achtprozentige Kirchensteuer entrichtet. Im Kanton Wallis kommt niemand um die Kirchensteuer herum, weil die Pfarreien aus den Gemeindekassen unterstützt werden.

Die Kirchensteuern sind dabei nur die direkten Kosten. Wer rechnet den traditionellen Kirchen die Ausgaben vor, welche von den Kantonen für die theologischen Fakultäten aufgewendet werden? Wer soll die geplanten universitären Koranschulen berappen? So wie es Kirchgänger gibt, die freiwillig weitere Opfer für Fastenopfer und Caritas bringen, gibt es freiwillige Spender unter den Scientologen. Trotzdem werden nur Sekten als Abzocker dargestellt. Und ein klimaneutrales Ticket von myclimate scheint niemand als Wucher zu betrachten. Vielleicht sollte man den Glauben an die Natur als Sekte bezeichnen, damit dieser mittelalterliche Ablassbrauch verhindert werden kann.

So wie die Alchemie die Vorläuferin der Chemie war, ist Religion eine Vorform der Philosophie. Die Philosophie kommt nicht mehr um die Fakten der Wissenschaft herum. Die moderne Biologie kann belegen, dass Moral ein evolutionäres Programm ist. Die Menschen haben ohne Mathematikbuch herausgefunden, dass 2?+?2?=?4 ist, genauso braucht es keine Bücher aus dem ersten Jahrhundert, um uns zu sagen, was gut und böse ist. Wir kommen alle als Atheisten zur Welt, nachher entscheidet das religiöse Umfeld, woran wir zu glauben haben.

Was ist schlimmer, als Sohn von Tom Cruise oder als Tochter eines katholischen Pfarrers auf die Welt zu kommen? Scientology soll in keiner Art und Weise in Schutz genommen werden. Aber warum Scientologen anders beurteilen als andere Monotheisten?

Quelle: https://www.achgut.com/artikel/was_ist_so_schlimm_an_scientology

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