Die Debatte ist nie vorüber

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 16. Dezember 2007, Seite 24)

Einseitig verordnete Einigkeit hat viel mit Denkverboten zu tun


Beda M. Stadler

The debate is over», die Debatte ist vorüber, scheint zu einem epidemischen Satz zu werden. Erstmals wurde er einst vom obersten amerikanischen Gesundheitshüter Richard Carmona verwendet, als der behauptete, Passivrauchen sei ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko. Nun, diese Debatte scheint nicht vorbei zu sein. Es gibt immer noch Passivraucher, die den Duft der grossen Welt lieben.

Der Klima-Alarmist Al Gore liebt diesen Satz geradezu. Bei seiner ersten Ansage drohte uns noch ein meterweiser Anstieg des Meeresspiegels. Bei jeder weiteren Ankündigung, die Debatte sei vorüber, scheint sich der drohende Meeresspiegel zu senken. In der neuesten Ausgabe des «International Journal of Climatology of the Royal Meteorological Society» steht zudem, CO2 habe nur einen vernachlässigbaren Einfluss auf unser Klima.

«The debate is over»» animiert zum Handeln. Beim Passivrauchen liegt da die Lösung auf der Hand, wir brauchen eine rauchfreie Schweiz. Und beim Klima hat der mittelalterliche Ablasshandel mit CO2-Emmissions- Papieren eingesetzt. Es ist nicht mehr nötig zu debattieren, es kann blindlings gehandelt werden. Das wärmere Klima hat so tiefgreifende intellektuelle Folgen, dass es sogar schon Biobauern geben soll, die ein schlechtes Gewissen haben, weil ihre Art von Landwirtschaft nicht gerade CO2- freundlich ist. Es gibt Leute, die sorgen sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen Kuhfurz.

Trotzdem mehren sich die Kritiker, die den Debattenstopp wieder aufheben möchten, so zum Beispiel der tschechische Staatspräsident Václav Klaus, den man allerdings gemeinhin als Klima-Leugner denunziert. Ich hoffe bloss, man setzt diese Art von Leugner nicht auf die Stufe der Holocaust- Leugner. Es gibt Kanadier, die debattieren wollen, weil alle Welt nur an das mögliche Verschwinden der Malediven denkt, aber kein Erbarmen mit den wesentlich zahlreicheren kanadischen Bauern hat, die bloss eine kurze Zeit im Jahr ihren Boden nutzen können. Fruchtbare Äcker liegen brach, auf denen man viel anpflanzen könnte, nicht nur Kokosnüsse wie auf den Malediven.

Mich fasziniert die Idee, dass Bürokraten oder Politiker mit einem Satz eine wissenschaftliche Debatte beenden wollen. Warum hat das noch niemand mit der Gentechnik versucht? Da wird dauernd debattiert. Obwohl oft klare Fakten vorliegen: So ist zum Beispiel gentechnisch veränderter Mais gesünder als Bio-Mais, weil er erwiesenermassen weniger Mykotoxine enthält.

Vielleicht kann man eine Debatte ja mit Vernunft beenden. Bei der Klimadebatte liegt es auf der Hand, dass wir erstens nicht wissen, welche Idealtemperatur auf diesem Planeten herrschen soll, und zweitens, falls die Temperatur steigt, wir uns dienlich darauf einstellen sollten. Vielleicht gefällt es der Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten, wenn er etwas wärmer wäre? Eigentlich sollten wir froh sein, dass es wärmer und nicht kälter wird. Sicher ist hingegen, dieser Planet ist noch nie bei einer Temperatur stehen geblieben. Die Welt verändert sich auch ohne uns.

Mich fasziniert die Idee, dass Bürokraten oder Politiker mit einem Satz eine wissenschaftliche Debatte beenden wollen.

Bei der Gentechnik scheint sich die Vernunft durchzusetzen und ein Ende der Debatte anzukündigen. So hat kürzlich der polnische Erzbischof Jozef Zycinski seine Schäfchen aufgerufen, sich endlich nicht mehr vor Genfood zu fürchten. Er habe noch nie die geringste Evidenz gesehen, meinte der polnische Erzbischof, dass gentechnisch veränderte Nahrungsmittel eine Bedrohung für das menschliche Leben seien (belustigte Bemerkung des Kolumnisten: Für einmal wären sich da Kirche und Wissenschaft einig!). Jozef Zycinski sagte auch, ein wenig Mut sei schon nötig, damit eine Gesellschaft existieren und normal funktionieren könne. Persönlich würde ich es trotzdem vermissen, falls die Gentechnik-Debatte nun vorüber wäre. Wir sollten nämlich nicht aufhören, über Wissenschaft zu debattieren, sonst müssen wir am Ende wieder zu glauben beginnen.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 16. Dezember 2007, Seite 24

(NZZ am Sonntag – Meinungen – Leserbriefe – 23. Dezember 2007, Seite 18)

Guter Schlusssatz

«Die Debatte ist nie vorüber»
NZZ am Sonntag vom 16. Dezember

Der letzte Satz im Artikel von Beda M. Stadler ist die einzige Aussage im ganzen Beitrag, die einigermassen Sinn macht. Der Rest ist wie verschiedene vorhergehende Beiträge von Herrn Stadler weit unter dem Niveau der «NZZ am Sonntag» – der Zeitung, deren Inhalte in aller Regel fundiert recherchiert, gut geschrieben und leserfreundlich aufbereitet sind. Ich hoffe deshalb sehr, dass die polemischen Debatten von Beda M. Stadler in Ihrer Zeitung bald vorüber sind. Sein Stil würde besser zu Roger Köppels «Weltwoche» passen. Mein Kompliment zu der sonst besten Sonntagszeitung in der Deutschschweiz.
Cyrill Moser, Unterägeri (ZG)

«Die Debatte ist nie vorüber?» Doch, sie ist es. Ich werde Beda M. Stadler nicht mehr lesen. Ende der Debatte. Zu oft habe ich mich über seine verdrehten, kurzsichtigen und engstirnigen Ansichten ärgern müssen.
Martin Novotny, Sevelen (SG)

Als Kämpfer für Vernunft und gegen Aberglaube finde ich Beda M. Stadlers Kolumne super. Endlich ein Wissenschafter, der öffentlich fundiert gegen die unvernünftige totale Permissivität des «Alles kann sein» antritt. Problematisch wird es jedoch, wenn er sich aufs Glatteis der Reli- gion begibt. Da macht er es sich zu einfach und beschädigt das Vertrauen in seine wissenschaftliche Qualität. Schade. Man ist versucht zu sagen: Schuster, bleib bei deinem Leisten.
Max Baumann, Winterthur

NZZ am Sonntag, 23. Dezember 2007, Seite 18

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