Brauchen wir Wahlhelfer?

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 21. Oktober 2007, Seite 22)

Ein elektronischer Wahlzettel mit Filter muss her – gegen alle, die ans Irrationale glauben


Beda M. Stadler

An dieser Stelle habe ich mich schon einmal als Wahlhelfer betätigt. Da wir heute nicht ein Land, sondern Politiker wählen, entspricht ein Wahlhelfer dem Gegenteil von einem Fluchthelfer. Den Unentschlossenen soll mit ein wenig Schwarzweissmalerei geholfen werden, obwohl praktisch nur weisse Politiker zur Wahl stehen. Smartvote.ch auf dem Internet hilft herauszufinden, welche öffentlichen Politikermeinungen zu einem passen. Da aber bereits junge Politiker sich hinter Parteiprogrammen und der eigenen Aalglätte verstecken, brauchte es tiefer schürfende Fragen. Eine solche Wahlhilfe meinerseits, nur Atheisten zu wählen, ging bereits daneben. Geoutet hat sich bis jetzt nur die neue Miss Schweiz, und dies auch erst nach der Wahl.

Man könnte die Frage neu auflegen: Sollen wir Politiker wählen, die an Wunder glauben? Ein echtes Wunder widerspricht den Naturgesetzen und der menschlichen Vernunft. Wundergläubige sollten somit als nicht zurechnungsfähig gelten. Religiöser Glaube enthält den Glauben an Wunder (in Lourdes wurde noch nie eine Amputation geheilt, bloss Krankheiten mit einer spontanen Heilungstendenz). Die Geschicke unseres Staates sollten aber nicht von Wundergläubigen bestimmt werden. Wer noch daran glaubt, Bruder Niklaus von Flüe habe damals die Schweiz vor dem Zweiten Weltkrieg bewahrt, sollte auf dem Wahlzettel gestrichen werden. Nur, wie findet man heraus, ob ein Politiker wundergläubig ist?

Es gibt untrügliche Anzeichen: Erwischt man einen Politiker beim Lesen eines Horoskops, sollte dies sein Aus bedeuten. Hier verwechselt jemand Astronomie mit Astrologie. Das ist das Gleiche, wie wenn man Philosophie und Theologie durcheinanderbringt. Eine Politikerin, die vor einer Arena-Sendung Bachblüten-Notfalltropfen oder gar Globuli einwirft, verwechselt Chemie mit Alchemie. So jemand ist in der Debatte um CO2 oder die Kernenergie eine Bedrohung, weil nicht zurechnungsfähig.

Arithmetik hilft ebenfalls gegen blinden Glauben. Etwa die Frage: Wie dick wird eine Zeitung, wenn man eine Seite hundertmal auf sich selber zurückfaltet? Intuitiv ergibt dies ein etwas dickeres Bündel als die Sonntagszeitung. In Wahrheit wäre der Durchmesser grösser als das uns bekannte Universum. Unsere derzeitige CO2-Debatte hat stark mit Glauben zu tun. Nichts gegen Intuition, aber wenn es um Glauben geht, sollte doch auch ein bisschen Arithmetik zählen.

Unkritische Wissenschaftsgläubigkeit ist eine neue Form von Wunderglauben. Politiker mit «Phiten»-Halsbändern glauben an eine virtuelle Nanotechnologie. (Macht nichts, falls Sie nicht wissen, was Phiten sind: Es ist bloss eine neue Art geistige Verunreinigung. In Ihrer Umgebung werden Sie sportliche Menschen finden, die Sie mit Begeisterung aufklären.) Es bleibt allerdings abzuklären, ob Phiten tragende Politiker die gleichen Menschen sind, die auch vor den virtuellen Gefahren der Gentechnologie warnen. Zumindest kann absurde Wissenschaftsgläubigkeit dazu führen, dass Menschen bereit sind, in ihrer Einbildung die Naturgesetze auszuhebeln.

Wer noch daran glaubt, Niklaus von Flüe habe die Schweiz vor dem Weltkrieg bewahrt, sollte gestrichen werden.

Das Absurdeste an dieser Wahl ist aber wohl, dass wir unsere Steuern online ausfüllen, unsere Bankgeschäfte und Rechnungen (die einen wirklich in den Abgrund ziehen können) am Bildschirm abwickeln, aber um zu wählen immer noch einen ganzen Wald abholzen. Die meist geschmacklose Wahlpropaganda strotzt vor Hobbys und Überzeugungen, die so unverbindlich sind, dass man getrost Linke und Rechte auf einer Liste vereinen kann. Ein elektronischer Wahlzettel mit Filtermöglichkeit muss her. Da könnte man per Mausklick alle Politiker ausblenden, die an das Irrationale glauben. Sollte es also bei den nächsten nationalen Wahlen immer noch nicht möglich sein, via Internet abzustimmen, wäre es an der Zeit, als Internet-User nur noch virtuell abzustimmen und daran zu glauben, dass sich in acht Jahren etwas ändert.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 21. Oktober 2007, Seite 22

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