Nulltoleranz schafft Elend

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 23. September 2007, Seite 22)

Gentechnisch «kontaminierter» Reis ist gesund – trotzdem soll er vernichtetwerden


Beda M.Stadler

Die Migros will in den kommenden Wochen 200 Tonnen Reis vernichten. Die Nachricht traf mich beim sonntäglichen Frühstück und der Schlussredaktion meiner nächsten Kolumne. Obwohl es nichts Heiliges gibt, überkam mich ein heiliger Zorn. Meine eben fertiggestellte Kolumne wurde vernichtet. Es war Zeit, auf die Migros einzuprügeln.

Wie üblich, wenn die Migros in Bedrängnis gerät, frohlockt der Coop. Bei ihm seien nur 30 Tonnen kontaminiert! Das hat mir den Rest gegeben. Ist etwas kontaminiert, bedeutet dies, es hat irgendeine Sauerei drin, zumindest aber etwas Giftiges. Und genau dies ist hier nicht der Fall.

Beim «kontaminierten» Reis hat es unter Tausenden von Reiskörnchen ab und zu ein gentechnisch verändertes. Beim Coop lagern seit einem Jahr 2000 Tonnen des verdächtigen Reises. Dank der nicht willkürlich festgelegten Empfindlichkeitsgrenze des DNANachweistests sind beim Coop nur 30 Tonnen positiv. Die Migros hat mehr Pech gehabt, von den 1500 Tonnen ihres Reislagers scheinen 200 Tonnen hie und da ein gentechnisch verbessertes Körnchen zu enthalten. Es lagern also in der Schweiz 3,5 Tonnen Reis, mit denen man nicht genau weiss, was tun – oder die man industriell verwerten will. Was immer das heisst, ich hoffe, es wird damit nicht Bioethanol für Öko-Autos produziert. Reis ist kein grüner Tiger für den Tank!

Meine Spontanreaktion war verfrüht. Die Grossverteiler hängen bloss mit drin. Der Verkaufsstopp kommt vom BAG, dem Bundesamt für Gesundheit. Für nichtbewilligte Gentechpflanzen herrscht in der Schweiz Nulltoleranz. Da Vorschriften nun einmal Vorschriften sind, schiebt das BAG die Verantwortung gleich weiter in Richtung EU. Man tut dies, obwohl man zugibt, dass von dem Reis keinerlei Gefahren für den Konsumenten ausgehen. Man ist mit dieser Meinung auch nicht allein: Niemand auf dieser Welt stuft diesen Reis als gefährlich ein, ausser vielleicht ein paar Wirrköpfe, die vom Angstschüren leben.

Selbstverständlich will auch die EU die Hände in Unschuld waschen. Angesichts des weltweiten Hungers hat niemand ein gutes Gefühl, wenn ein Kulturgut wie Reis vernichtet wird. Schuld ist also die Achse des Bösen, und die sucht man neuerdings in den USA. Dort hat man einen Agrokonzern gefunden, gegen den bereits Sammelklagen laufen. Im Schnellverfahren wurde dieser Gentech-Reis in Amerika zwar zugelassen und wird nun von Millionen Menschen verzehrt, aber die böse Firma hat keine Formulare für die EU-Zulassung ausgefüllt.

Das Trauerspiel erinnert an den Herbst 2002, als das Welternährungsprogramm gentechnisch veränderten Mais den 13 Millionen hungernden Menschen in Afrika zur Verfügung stellen wollte. Der wohlgenährte Präsident von Sambia weigerte sich, das Geschenk anzunehmen. Er lasse lieber seine Leute verhungern, als ihnen giftigen Genfood zu geben! Diese Aussage erschütterte bloss ein paar Humanisten bei uns. Hoffentlich protestiert nun die Dritte Welt, wenn wir Reis vernichten, nur weil die notwendigen Formulare in den Aktenordnern der Behörden fehlen.

Dies ist ein gesundes Lebensmittel, kein Schwein darf es essen, wegen der Nulltoleranz.

In diesem Affentheater braucht es jetzt jemanden, der Mut hat. Falls die Migros sich auf ihre Ursprünge besinnt, als ihre Vertreter noch Steine aus dem Bundeshaus schmissen, wäre jetzt ein wenig sozialer Ungehorsam sogar imagefördernd. Würden die 200 Tonnen Reis in umweltfreundliche Papiersäcke abgepackt, mit einem Bild von Dutti und der Aufschrift «gratis» in die Regale gestellt, wäre dies wahrscheinlich sogar billiger als die Vernichtung. Im Kleingedruckten auf dem Sack könnte zudem stehen: «Dies ist ein gesundes Lebensmittel, kein Schwein darf es essen, weil bei uns Nulltoleranz herrscht.» Damals, beim «Gentech-Lecithin-Schokoladen»- Skandal, hatten nämlich wenigstens die Schweine etwas davon. Vielleicht fällt für einmal der Coop der Migros nicht in den Rücken und unterstützt diese Aktion, diesmal aus Scham, weil man Lebensmittel nicht vernichtet, ausser sie wären giftig.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 23. September 2007, Seite 22

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