Geld oder Leben

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 3. Juni 2007, Seite 22)

Wer Offroader fährt, schützt das Leben seiner Kinder. Kritik daran ist nichts als Neid


Beda M. Stadler

Ein harmloses Kinderspiel, bei dem wir ehemals dem Spielkumpanen den Finger in den Rücken drückten und schrien: «Geld oder Leben!», erfährt eine Neuauflage. Bekannte mit Sport-Utility-Vehicle (SUV) finden nämlich häufig «Stopp Offroader»-Kleber an ihren parkierten Autos. Darauf steht: «Gib Kindern keine Chance!» Das stimmt nachdenklich. Handelt es sich um einen Druckfehler? Sollte es eigentlich «eine Chance» heissen?

Dem Beklebten wird empfohlen, auf dem Internet nachzulesen, was der Slogan bedeutet. Die Homepage klärt das Missverständnis: Es sind keine grünen Legastheniker, sondern die Jungen Grünen. Eine Reihe verlinkter Hass-Seiten beten ein Argumentarium herunter, warum Menschen, die SUV fahren, Unmenschen sind.

Es sind aber nicht nur die Jungen Grünen, die ein neues Hassobjekt gefunden haben. Auch bürgerliche Politikerinnen, wie etwa Kathy Ricklin, die CVP-Nationalrätin mit ökologischem Gewissen und naturwissenschaftlicher Ausbildung, schreibt in einer Kolumne: «Darum bereiten mir diese SUV keine Freude, abgesehen von den Gefahren, die sie durch ihre grosse Masse und gefährlichen hohen Kühlerhauben darstellen.»

Damit hat sie einen Punkt, denn die SUV symbolisieren ein physikalisches Prinzip. Ihre grosse Masse gewinnt als Trägheitsprinzip gegen einen kleinen Blechhaufen. Im Inneren des grösseren Blechhaufens sind die Passagiere sicherer als in der Sardinenbüchse.

Die Jungen Grünen betrachten die physikalische Masse der SUV anders: «Opfer dieser automobilen Aufrüstung sind die Leute, die zu wenig Geld haben, um sich einen schweren Geländewagen zu kaufen, vernünftige Autofahrer, Velofahrer, Fussgänger, Kinder und die Umwelt.» Allerdings, wo kämen wir hin, falls sich nächstens gar die Umwelt ein SUV beschaffte! Vernünftig ist also, wer kein Geld hat, oder: Es geht um Neid.

Es wird politisch Druck gemacht. Selbst der amerikanische Präsident, dessen Armee bis heute die originellsten SUV benutzt, beugt sich dem Corporate- Average-Fuel-Economy-Prinzip, kurz CAFE-Standard. Die Amerikaner wollen nämlich damit Most sparen. Erstaunlich, selbst im Land der Verfolgungsjuristen geht es nicht darum, was nun wichtiger ist, etwas mehr Benzin zu verpuffen oder Leben zu retten. In der Schweiz müssen in diesem Konflikt die kleinen Kinder herhalten. Man behauptet, sie seien besonders gefährdet, weil sie vom SUV auf der Höhe der Brust erwischt werden. Anders als bei einem kleinen Auto, das Kinder nur auf Beinhöhe anfährt. Dieser makabren Logik muss man erst einmal folgen können.

Tatsache bleibt, in grossen Autos sind die Passagiere sicherer. Das Benzinsparen hat zu kleineren Autos geführt – und zu mehr Todesfällen beim Crash. Eine Studie der Universität Harvard schätzt, dass in Amerika 2200 bis 3900 weniger Todesopfer pro Jahr zu beklagen wären, würden die Leute wieder grössere Autos fahren.

Die Vision Zero des Bundes, ein Strassenverkehr ohne Tote und Schwerverletzte, kommt auch ins Dilemma. Wird die Masse der Autos auf das Niveau eines Fahrrads verringert, entstehen beim Aufprall Schäden, wie wir sie von den Motorrädern kennen. Der Benzinverbrauch war bis anhin kein Argument für automobile Sicherheit. Vom Gurt bis zu Airbags wurde dazugepackt, um Leben zu retten.

Eltern müssten SUV fahren, um ihre Kinder nicht in einem Veloanhänger dem Verkehr auszusetzen.

Verdammt man also die SUV aufgrund ihrer Gefährlichkeit, zählt das Sicherheitsargument im und rund um den Offroader. Denkt ein Autolenker bei «Gib Kindern keine Chance!» an die eigenen Kinder und ist der Mutteroder Vater-Instinkt stärker als das Umweltgewissen, dann müsste er eigentlich SUV fahren, um seine Kinder nicht in einem Veloanhänger dem Verkehr auszusetzen. Ist die «Vernunft» der Jungen Grünen von jugendlicher Kinderlosigkeit geprägt? Muss jeder diese Art der Vernunft annehmen, bloss weil die Bünzli-Mobility-Fahrer und alle anderen, die kein Geld für ein grösseres Auto haben, neidisch sind? Geld oder Leben, das ist die Frage.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 3. Juni 2007, Seite 22

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