Weltumspannende Seuche


(Weltwoche – Vogelgrippe)

Die Schutzmasken-Kampagne wurde belächelt, die Bevölkerung ist der Vogelgrippe-Warnungen überdrüssig. Doch Experten sind sich einig: Die Pandemie wird kommen.

30.05.2007
Von David Signer

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ruft dazu auf, sich für den Fall einer Grippepandemie einen Vorrat an Hygienemasken zuzulegen. Bei vielen Leuten sorgt der Aufruf für Kopfschütteln; diverse Zeitungen verweisen auf das Verfalldatum der verkauften Masken, auf den nicht hundertprozentigen Schutz und verdächtigen das BAG der Panikmache.

Der Gesichtsschutz ist nur ein Element eines umfassenden Pandemieplans des BAG, zu dem allgemeine hygienische Vorkehrungen, die Impfung und im Falle einer tatsächlichen Pandemie das Medikament Tamiflu und andere Massnahmen zum Bevölkerungsschutz gehören. Aber indem das BAG immer nur tröpfchenweise informiert, demonstriert es den Bürgern, für wie wenig mündig es sie hält. «Wir wollen nicht, dass die Leute die verschiedenen Informationen durcheinanderbringen», sagt ein wissenschaftlicher BAG-Mitarbeiter der Sektion Pandemievorbereitung. Dafür verliert sich die öffentliche Diskussion in läppischen Detailfragen.

Nach all den Meldungen über die Vogelgrippe im Laufe der letzten Jahre hat sich bei vielen Leuten eine psychische – wenn auch nicht physische – Immunität entwickelt: Man glaubt nicht mehr so recht an die Gefahr. Diese Überdruss-Reaktion wird durch die Schutzmasken-Kampagne noch verstärkt.

Aber die meisten Experten sind sich einig, dass die Pandemie kommen wird, vielleicht schon 2008, vielleicht auch erst 2020. Auch bei der eben zu Ende gegangenen Jahreskonferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf standen die Massnahmen gegen eine mögliche Grippepandemie, die weltweiten Impfstoff-Lagerbestände sowie die Bekämpfung des Vogelgrippevirus H5N1 im Mittelpunkt.

«Japanisierung der Gesellschaft»

«Die Bedrohung wird von der Bevölkerung und den Medien unterschätzt», sagt Werner Wunderli, Leiter des Nationalen Grippezentrums am Unispital Genf. «Was man nicht sieht, glaubt man nicht.» Da die letzte Grippepandemie etwa vierzig Jahre zurückliegt, glaubt die Bevölkerung nicht mehr richtig an eine nächste. Im Moment stellt das Vogelgrippevirus aber eine echte Gefahr dar, weil es sich mit einem «normalen» Grippevirus verbinden könnte.

Ein Symptom dieser Sorglosigkeit sei, so Wunderli, das mangelnde Hygienebewusstsein und ein fehlender Sinn für Solidarität. Der Mundschutz diene nämlich vor allem dazu, dass ein möglicherweise Infizierter nicht andere ansteckt. Auch die Grippeimpfung schütze ja nicht nur den Geimpften, sondern verhindere auch die Weiterverbreitung des Virus an besonders gefährdete Personen. Im Zusammenhang mit den erforderlichen Massnahmen (Vermeidung von Händedruck, Distanzwahrung, Maskentragen) spricht das BAG bereits von einer «Japanisierung der Gesellschaft», die auf uns zukomme.

Beda Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern, ist sonst eher bekannt als Entwarner und Entdramatisierer, sei es bei den Gefahren des Passivrauchens, des Impfens oder genetisch veränderter Nahrungsmittel. Er aber sagt: «Das BAG sollte nicht nur punktuell und gestaffelt informieren, sondern die Leute ernst nehmen und ihnen den ganzen Pandemieplan vorlegen, in je adäquater Form auf allen Ebenen: vom Kindergarten bis zum Grossbetrieb. Und dazu würden dann auch so elementare Regeln gehören wie: Es bringt nichts, beim Niesen die Hand vor den Mund zu halten, wenn man nachher den Türgriff berührt.»

Auch Stadler glaubt, dass es im Gefolge von ansteckenden Krankheiten und der generellen Mobilität zu einem grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel und zu einer neuen Hygiene-Ethik kommen werde. «Jemanden anzustecken erachten wir – ausser bei Aids – als Kavaliersdelikt», sagt er. «Aber hat der Dummkopf im Tram, der sich nicht gegen Grippe geimpft hat, das Recht, andere zu infizieren?» Er erinnert daran, dass viele Höflichkeitsregeln – zum Beispiel, nicht mit vollem Mund zu reden – ursprünglich hygienische Gründe hatten. Aber heute ist uns dieses Bewusstsein abhanden gekommen. Im Gegensatz zu asiatischen Ländern, wo etwa viele Erkältete heute nur noch mit Mundschutz unter die Leute gehen.

Er wünscht sich, dass das BAG weniger verfügt und mehr erklärt. «Man kann ohne Panik sensibilisieren», sagt er. Schliesslich habe die Medizin seit der Spanischen Grippe, die nach dem Ersten Weltkrieg zwanzig Millionen Tote forderte, enorme Fortschritte gemacht. Gegenwärtig geschieht nämlich etwas, das es nie zuvor in der Geschichte gab: Eine weltumspannende Seuche wird bekämpft, noch bevor sie entsteht. Und zwar von einem Genfer Hochhaus aus, wo sich das «Strategic Health Operation Centre» befindet, die WHO-Kommandozentrale im Kampf gegen das H5N1-Virus. Gibt es irgendwo auf der Welt Fälle, die auf das Virus verweisen könnten, gelangt die Meldung auf den Genfer Riesenbildschirm, den dreissig Experten täglich studieren, um danach Massnahmen zu ergreifen. Sollten sich die Schreckensszenarien irgendwann in Luft auflösen, wäre das vor allem diesem globalen Warnsystem zu verdanken. Und die Vogelgrippe dient hier zugleich als Pilotprojekt für die Verhinderung anderer Seuchen wie Cholera oder Polio. Angesichts dieses prophylaktischen Riesenefforts ist es kleinkariert, sich über das Ablaufdatum von Schutzmasken zu mokieren.

Quelle: https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2007-22/aktuell/artikel-2007-22-weltumspannende-seuche.html

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