Die Uni als Profitorganisation

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 11. März 2007, Seite 20)

Der hochgelobte Wissens- und Technologietransfer pervertiert die Uni-Idee


Beda M. Stadler

Politiker möchten, dass unsere Universitäten selbsttragend werden. Internet- Bubble und Biotech-Boom haben in ihren Köpfen eine unselige Goldgräberstimmung ausgelöst. Die Uni-Leitungen standen unter Spardruck, wer will es ihnen da verübeln, dass sie den neuen Geldhahn ebenfalls anzapfen wollen. Man äugte in die USA, dort wurde der Wissensund Technologietransfer (WTT) institutionalisiert – und gleich von uns übernommen. Das war reine Blauäugigkeit. Bis heute ist keine Uni reich geworden, der WTT hingegen wurde zur Innovationsbremse.

Selbst wir Forscher rieben uns die Hände in Erwartung all der Patente, die nun, an den Universitäten gehortet, den grossen Geldsegen bringen sollten. Kollegen aus anderen Fakultäten gelüstete es nach der willkommenen Quersubventionierung. Die Idee WTT wurde salonfähig, unterstützt von Leuten, die sich an keinem Geschäft die Finger schmutzig machen würden, die also auch nicht verstehen, wie das Business funktioniert. Ein Patent ist wertlos, ausser jemand setzt es um und kriegt dafür eine Exklusivlizenz. Diese Lizenz ist aber ein Strick um den Hals, wenn das Patent nicht professionell betreut wird.

In der Zwischenzeit brüsten sich die WTT-Stellen, sie seien selbsttragend. Kein Wunder, immerhin hat der Bund erst kürzlich nochmals 15 Millionen dafür aufgeworfen. Zudem ist es für einen Forscher mittlerweile nicht mehr freiwillig, ob er mit einem WTT-Office zusammenarbeitet. Die Transfer-Stellen sind damit zu finanziellen Wegelagerern geworden. Als ihre Hauptaufgabe sehen sie nicht mehr die Fördertätigkeit, sondern sie sorgen dafür, dass die Universitäten nicht über den Tisch gezogen werden. So treten sie auf und berufen sich auf Universitätsgesetze. Das Klima ist angespannt. Firmen beklagen sich. Sie möchten mit Forschern zusammenarbeiten, aber ohne kompliziertes Vertragswerk mit einem WTT-Büro, das sie wie Abzocker behandelt. Am schlimmsten dran sind Startup-Firmen. Diesen jungen Leuten hat die Uni Platz gegeben, sie schreiben die ersten Businesspläne, lernen die Sprache der Venture-Kapitalisten – und müssen dann von denen lernen, dass sie nichts als ein Patent haben, das aber der Uni gehört.

Ein Patent muss gepflegt werden. Diese Pflege braucht Geld. Mit den WTT-Verantwortlichen hat man den Bock zum Gärtner gemacht. Sie feilschen hemmungslos mit abhängigen Jungunternehmern oder mit Firmen, anstatt diesen zu helfen. Niemand hat bemerkt, dass die Universität so unversehens zur Profitorganisation geworden ist. Eine jedoch, die kein Risiko trägt. Die Uni ist also drauf und dran, ihre Unschuld zu verlieren. Als Nächstes ist die Glaubwürdigkeit dran.

Universitäten sind immer noch Schulen. Ich möchte aber nicht an einer Schule lehren, die eigentlich eine Firma ist. Die Konflikte sind programmiert; die Forschungsfreiheit ist ein höheres Gut als der Profit. Wir sollten stolz darauf sein, dass das geistige Eigentum ins Volk wechselt, denn WTT bedeutet Wirtschaftsförderung. Die neugegründeten Firmen werden Steuern zahlen, von denen wir Forscher leben. Die Uni lässt auch sonst mehr oder weniger gescheite Ideen auf das Volk los, ohne dafür vorab Geld zu verlangen. Nach meinem Verständnis sollten die Universitäten also Nonprofitorganisationen bleiben.

Universitäten sind immer noch Schulen. Ich möchte aber nicht an einer Schule lehren, die eigentlich eine Firma ist.

So verlockend der Gedanke ist, von Royaltys und Patentrechten leben zu können, so unverständlich ist die Idee, dass nur die Naturwissenschaften gemolken werden sollen. Warum beteiligt sich die Universität eigentlich nicht am geistigen Eigentum der anderen Fakultäten? Wie steht es mit Royaltys von Juristen oder Theologen? Dieser Gedanke zeigt, wie absurd die WTT-Praxis ist.

Es gibt einen Ausweg aus der verfahrenen Situation: Die Uni verzichtet auf das geistige Eigentum. Im Gegenzug verpflichtet sich eine Firma, sobald sie in den schwarzen Zahlen ist, die universitären Forschungskosten zurückzuzahlen. Falls die Firma auch danach ihre Uni unterstützt, wäre sie als Sponsor willkommen.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 11. März 2007, Seite 20

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.