Salonfähiger Ökoterror

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 27. August 2006, Seite 20)

Greenpeace und andere Freunde dieser Erde nehmen Sonderrechte in Anspruch


Beda M. Stadler

In Deutschland und Frankreich werden Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen verwüstet. Sinnigerweise zerstörten Anhänger des Vereins «Gendreckweg» nach einem Bach- Konzert und Gottesdienst zwei Maisfelder in Brandenburg.

Dieser Ökoterror scheint trotz globalem Terrorverdruss salonfähig zu werden. Dem Zürcher Stapi ist man gar an den Karren gefahren, bloss weil er das Unwort «Ökoterror» gebraucht hat. Greenpeace und andere Freunde dieser Erde kommen sich anscheinend eher als «Widerstandskämpfer» vor. Doch unter Terrorismus versteht man eine gewaltsame Methode, die gegen Zivilisten und zivile Einrichtungen gerichtet ist. Der Freiheits- oder Widerstandskämpfer beschränkt sich aber vornehmlich auf militärische Ziele. Wilhelm Tell hat schliesslich keine Äcker verwüstet.

Bei Wikipedia, der freien Enzyklopädie im Internet, steht: «Unter Terrorismus sind Gewalt bzw. Gewaltaktionen gegen eine politische Ordnung zu verstehen, um einen politischen Wandel herbeizuführen. Der Terror dient als Druckmittel und soll vor allem Unsicherheit und Schrecken verbreiten, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen. Terrorismus ist keine militärische Strategie, sondern primär eine Kommunikationsstrategie. Terroristen greifen nicht militärisch nach Raum, sondern wollen das Denken besetzen.» Schön formuliert! Was tut aber ein Schweizer Ökoterrorist? Schliesslich darf wegen des Gentech- Moratoriums bei uns nichts wachsen, was man ausreissen könnte. Greenpeace Schweiz fordert, «sofort Richtlinien zu erstellen, die auch bei importierten Fleisch-, Geflügel- und Milchprodukten eine gentechfreie und umweltschonende Fütterung garantieren.» Der Ökomulti behauptet: «Ein weltweites Experiment an Mensch, Tier und Natur ist im Gange. Nach wie vor ist ungeklärt, ob Gentech-Futter oder -Lebensmittel negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben.» Das sind hanebüchene Aussagen, wissenschaftlich widerlegt, aber zum Spendengelder-Eintreiben reichen Emotionen oder religiöse Gefühle.

Die Angaben zum Terrorismus in der freien Enzyklopädie lesen sich wie ein Handbuch zum Ökoterror: «Die Gewalt richtet sich häufig gegen Ziele mit hohem Symbolgehalt, um den Gegner zu demütigen und zu provozieren, vermehrt aber auch gegen sogenannte weiche Ziele, also Plätze des öffentlichen Lebens, die nur schwer geschützt werden können.» In der Schweiz gibt es nur einen Turm, der alle anderen überstrahlt und als Ziel in Frage kommt: die Migros! Gottlieb Duttweiler schuf ein Schweizer Symbol. In den Augen eines Greenpeace- Strategen gibt es daher keine grössere Gefahr als Genfood in den Gestellen der Migros. Deshalb heisst es in einer Medienmitteilung: «Greenpeace-AktivistInnen räumen Migrosregale aus!» Coop wird hingegen in Ruhe gelassen, schliesslich verbrüdert sich dieser Laden mit Bio-Suisse, den Kleinbauern, oder wer auch immer Rückendeckung für das Bio-Geschäft gibt.

Gegen den Ökoterror gibt es ein Rezept: genüsslich weiteressen! Zum Beispiel Schweizer Schokolade.

Die Strategie des Terrorismus setzt auf psychologische Effekte. Die Zielgruppe soll schockiert und eingeschüchtert, der Krieg in das vermeintlich sichere Hinterland des Feindes getragen werden. Die Migros kann also eigentlich nur klein beigeben. Die Welt führt uns vor Augen, dass es kein Rezept gegen den Terror gibt. Gegen den Ökoterror aber gibt es ein Rezept: genüsslich weiteressen! Zum Beispiel Schweizer Schokolade. Unsere Schoggi und Tausende von anderen Produkten enthalten nämlich Lezithin, das aus transgenen Sojabohnen stammt. Die Lezithin-Fässer, die in die Schweiz eingeführt werden, enthalten laut Deklaration keine gentechnisch veränderten Sojabestandteile. Das stimmt wohl, schliesslich wurde das Lezithin so stark gereinigt, dass man keine Gene mehr nachweisen kann. In einer Schoggi hat es aber immer noch mehr Transgene als im Importfleisch, wo man mit Sicherheit nichts findet, weil ein Huhn gesünderen Genmais – mit weniger krebserregenden Pilzgiften als im normalen Mais – gefressen hat.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 27. August 2006, Seite 20

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