Arme kleine Schweine

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 12. Februar 2006, Seite 18)

Schweizer Ferkel werden ohne Betäubung kastriert, obwohl man sie gegen ihre Hormone impfen könnte


Beda M. Stadler

Auf dem Rücken oder besser: zwischen den Beinen der Schweine wird zurzeit in der Schweiz ein politisches Trauerstück ausgetragen. Es geht um die Ferkelkastration und nicht um die sexistische Tragweite dieses Tuns. Männliche Schweine können schliesslich nichts dafür, dass ihre Hormone ihr Fleisch unangenehm riechen lassen, ausser man kastriert die armen Säuli.

Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Nutztiere in Posieux hat sogar eine elektronische Nase entwickelt, um die Stinkerstoffe im Fleisch zu riechen. Nur, das hilft keinem Schwein, weil es hier um schlechten Geschmack im Umgang mit wissenschaftlicher Erkenntnis geht. Die Interessenvertreter haben erfolgreich lobbyiert und dabei wissenschaftliche Fakten elegant ausgeklammert.

Nicht einmal die Tier- oder die Konsumentenschützer haben bemerkt, wie sie über den Tisch gezogen wurden. Weiss der Bundesrat, wie es zum fragwürdigen Entscheid kommen konnte, die Ferkelkastration ohne Betäubung erst auf 2009 zu verbieten? Bis dahin werden nämlich in der Schweiz noch vier Millionen Ferkel ihre Hödli abgeben. War das eine vorschnelle Prüderie im Bundesratszimmer, weil Damen anwesend waren? Oder gibt es 68er Bundesräte, denen der Emanzen-Schreck («Schnipp schnapp, Schnäbi ab») noch so tief in den Knochen steckt, dass ein rationaler Entscheid unmöglich war?

Die andauernde Kastrationswut haben wir, weil unsere Veterinäre im Sandwich zwischen Kunden und Öffentlichkeit sind. Es galt lange Zeit nämlich die Lehrmeinung, junge Ferkel spürten fast nichts, wenn man ihnen die Hödli abhaute. Es soll Veterinäre gegeben haben, die diesen Unsinn geglaubt haben. Ich würde mir vielleicht auch so etwas einreden lassen, wenn ich vor dem Frühstück im Akkord eine derartige Schnipselei durchführen müsste. Das Bundesamt für Veterinärwesen (BVet) kämpft noch heute in seinen Informationsschriften dagegen: «Nach gültiger Lehrmeinung ist die Schmerzwahrnehmung nicht altersabhängig.» Trotzdem wurde noch 2001 in der revidierten Fassung der Tierschutzverordnung die Kastration männlicher Ferkel ohne Schmerzausschaltung erlaubt. Die Altersgrenze wurde im Sinne einer Belastungsverminderung (Originalton BVet) auf 14 Tage herabgesetzt. Warum es dank der neuen Regelung bis 2009 nicht weh tut und nachher aber sehr, versteht kein Schwein! Die Kommunikatoren beim BVet sind wieder einmal gefordert.

Genauso wenig wie die Veterinäre sich darum reissen, Kampfhunde einzuschläfern, wollen sie natürlich auch nicht zu professionellen Hodenabschneidern werden. Ein lieber Freund und Kollege hat mehr als zehn Jahre nach einer Lösung geforscht und nun zur allgemeinen Befriedigung auch eine gefunden, die allen passt ausser den jungen Ferkeln.

Ältere Schweine müssen vor der Kastration neu ab 1. Januar betäubt werden. Zwar war es nicht eine tierärztliche Einsicht, die den Wandel herbeigeführt hat, sondern, wie das BVet lakonisch festhält, der politische Wille des Parlaments. In diesem Umfeld scheint man sich gerne zweideutig auszudrücken, schliesslich geht es um die Glocken der Heimat. Verständlich, die Schweinezüchter monierten jahrelang, die Konsumenten würden den Mehrpreis nicht bezahlen und der Markt warte auf eine valable Alternative der Wissenschaft. Diese Alternative besteht nun darin, dass die Mäster eine kurze Ausbildung im Hodenabhauen nachweisen müssen, um an die Spritze oder an das Betäubungsgas zu kommen.

Auch die Tier- und Konsumentenschützer haben nicht bemerkt, wie sie über den Tisch gezogen wurden.

Die valable Lösung besteht also im Preis und der Praktikabilität. Und nach dem Motto «Mir geht’s ja nicht an die Eier» machen nun alle ringsum mit. Der Bundesrat hofft gar, dank dem faulen Kompromiss den Tierschutz zum Rückzug seiner Initiative zu bewegen.

Dabei wäre alles so einfach, leicht hätten wir nur noch glückliche Schweine in der Schweiz. Es gibt nämlich längst eine Alternative zur chirurgischen Kastration. Man kann die Mastschweine gegen das Gonadotropin- Releasing-Hormon impfen. Diese Immunkastration besteht aus zwei Pieksern mit der Spritze. Tiere schauen ob so was kaum zur Seite. Der Impfstoff heisst Improvac® und ist in Australien zugelassen. Dort informiert man stolz die Konsumenten, weil die Wirksamkeit in vielen Studien seit 2001 belegt ist. Und was tut man in der Schweiz? 2004 wurde eine Dissertantin der Swissvet dazu verknurrt, praktisch die gleiche Immunkastrations- Studie mit dem käuflichen Impfstoff durchzuführen. Da Schweizer Hödli sich logischerweise nicht von australischen unterscheiden, kam auch dasselbe heraus. Die Impfung funktioniere perfekt gegen die Geruchsentwicklung. «Angst und Stress, die vor allem bei der chirurgischen Kastration auftreten, können auf diese Weise vermieden werden», schreibt die Dissertantin.

Sogar Vorteile haben sich in den nationalen und internationalen Studien gezeigt: Die Tiere nehmen rascher zu, das sollte die Mäster doch freuen. In der Dissertation wird Prosus, Carnex und BVet öffentlich gedankt. Es haben es also alle, die beruflich mit Schweinen zu tun haben, gewusst, und keiner hat’s dem Bundesrat gesagt. Oder doch?

Rundum macht man sich nämlich Sorgen, ob der Konsument die Immunkastration akzeptieren würde. Die Hödli würden nämlich verkümmern, und das sähe gar nicht schön aus! Als ob ich mich mit den Schweinen im Schlamm suhlen würde, nur um einen Blick zwischen die Beine der Ferkel zu erhaschen.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 12. Februar 2006, Seite 20

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