Ist Bio drin, kommt’s von weit her

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 18. Dezember 2005, Seite 18)

Die Mär vom Bio-Exportland Schweiz mit dem Knospen-Heiligenschein


Beda M. Stadler

IIch will kein schlechter Verlierer sein. Als am letzten Abstimmungssonntag die Gentech-Gegner frohlockten, die Schweiz werde nun in ein Bioland verwandelt, war mir klar, auch ich muss nun in den sauren Bioapfel beissen. Das Gentech-Moratorium sei die Chance, damit wir in Europa Nummer 1 der Bio-Exportländer werden. Ich wollte mich geistig auf die kommenden gentechfreien Jahre einstimmen und plante daher als Auftakt ein ökologisch korrektes Bio-Weihnachtsessen im Kreise befreundeter Gentech- Befürworter. Biowein hatte ich schon, da mich Freunde manchmal zum Jux damit beschenken.

Die Planung des Festmahls wurde zum Albtraum, da mir eine vertrauliche Importstatistik von «Bio Suisse» auf das Pult flatterte. Normalerweise ist mein Einkauf ein rein emotionaler Vorgang, da bei meinem Gemüsehändler die Produkte nicht von Bio-Knospen verunstaltet sind. Italienische Küche, meine Lieblingsküche, war vorgesehen. Die musste ich mir gleich ans Bein streichen. So werden laut «Bio Suisse» Zwiebeln, Knoblauch und Fenchel aus Ägypten importiert. Klar, dass dieses Biogemüse per Schiff, Bahn und Strasse importiert wird. Ein Freund belehrte mich hämisch, man brauche beim Einkaufen von Biogemüse eben eine Lupe. Es prange wohl überall prominent eine grüne Knospe auf den Produkten, nur fehle oft das kleine «Suisse» darunter. Und ohne dieses «Suisse» sei klar, dass die Produkte importiert sind. Vernünftiger wäre es, unter der Knospe einen Vierzigtönner, einen Hochseefrachter oder ein Flugzeug abzubilden, damit man gleich weiss, ob das Gemüse weiter gereist ist, als man selber Ferien machen würde.

Was blieb mir übrig, als ein Weihnachtsmenu mit typisch schweizerischen Produkten zu planen? Da ich normalerweise mit dem Gemüse beginne, wurde ich aber gleich wieder verunsichert. Im Jahr 2004 wurden unter dem Knospenlabel 503 Tonnen Blumenkohl, 498 Tonnen Karotten, 922 Tonnen Tomaten, 21 Tonnen Kohlrabi, 38 Tonnen Lattich und 39 Tonnen Lauch importiert, gesamthaft mehr als 3982 Tonnen Gemüse. Im besten Fall sind das 100 Vierzigtönner voll Biogemüse, die mit Biodiesel durch die Schweiz kurven – ein echter Öko- Chabis. Warum diese einheimischen Gemüse importiert werden, kann ich mir nicht vorstellen, aber sie erklären, warum bei nur zehn Prozent Biobauern in der Schweiz die Bioregale beim Verteiler, unabhängig von der Saison, prall gefüllt sind.

Da ich nicht mit der Lupe einkaufen gehen wollte, verwarf ich den Plan des Bünzlimenus und entschloss mich, ein richtiges Körnlipicker-Menu zusammenzustellen. Weihnachten darf urchig sein. Ich kann es vorwegnehmen: Das Körnlipicker-Menu fiel auch ins Wasser. 2004 wurden knospige 2253 Tonnen Dinkel, 1239 Tonnen Gerste und 28 651 Tonnen Weizen eingeführt. Sogar Grünkern, Buchweizen, Amarant und Hirse werden tonnenweise über die Grenze geschleppt. Auch wenn ich nie etwas zubereite, das am Schluss so aussieht, als ob es schon einmal gegessen wurde, habe ich mir überlegt, ein Bio-Birchermüesli zuzubereiten. Sie ahnen es: Von Haferflocken bis zu Dörrfrüchten wird alles frischfröhlich importiert. Mir blieb also nur die Flucht nach vorne: Sollte es unbedingt ein Bio-Menu sein, musste ich einfach dazu stehen, einen Grossteil importierter Produkte zu verwenden. Die 998 Liter importierter Ahornsirup stimmten mich schon fast festlich. Da ebenfalls je rund 240 Tonnen Biolachs und Bioshrimps importiert werden, nahm das Weihnachtsmenu Gestalt an. Von den 1500 Tonnen Orangen- und Grapefruitsaft aus Kuba wird wohl noch etwas übrig sein, um eine fruchtige Suppe zu kochen. Biofanatiker werden auch gerne ein Auge zudrücken, falls ihre Bioprodukte aus Kuba stammen. Manch einem wird es zu Weihnachten das soziale Herz derart wärmen, dass der unökologische Transport getrost ausgeblendet werden kann. Als Gemüse nehme ich von den mehr als 1000 Tonnen importierten Erbsen. Zum Käse werde ich mit Vergnügen etwas von den 123 Tonnen importierten Trauben nehmen – wer will schon einheimische! Aus den 2624 Kilogramm Lindenblüten werde ich etwas Eistee machen, auch wenn es mich ärgert, dass «Bio Suisse» 847 Kilogramm Bärlauch aus dem Ausland in seiner Statistik aufführt.

Vernünftiger wäre es, unter der Knospe einen Vierzigtönner, einen Hochseefrachter oder ein Flugzeug abzubilden.

Es fällt mir hingegen leicht, nichts von den 229 Tonnen Olivenöl zu besorgen, da ich es ganz einfach hässlich finde, wenn Olivenhaine mit Kupfervitriol besprüht werden. Von den mehr als 4000 Litern Grappa werde ich auch nichts anrühren, was soll schon Bio an einem Grappa sein? Das internationale Bio-Weihnachtsessen nimmt langsam Gestalt an, und ich freue mich ganz besonders darauf, weil 174 Tonnen Biospezialitäten aus den USA und Kanada importiert werden. Dank dem Moratorium wissen wir, dass dort die bösen gentechnischen Pflanzen wachsen. Kanada scheint also das Problem der Koexistenz gelöst zu haben. Ich staune: Für «Bio Suisse» ist es ganz unproblematisch, aus diesen Ländern Bioprodukte zu importieren. Ist die Knospe drauf, kommt’s von weit her.

20 Prozent des Schweizer Biomarktes werden mit importierten Rohstoffen gedeckt. Der Export von Bioprodukten aus der Schweiz ist dagegen völlig unbedeutend und wird von «Bio Suisse» statistisch nicht erfasst. Es ist eine quantit´e n´egligeable. Jetzt verstehe ich erst das vorweihnachtliche Frohlocken der Gentech-Gegner. Während der fünf Moratoriumsjahre wird es ausreichen, ein paar Karotten über die Grenze zu schmeissen, um nachher zu behaupten, man hätte erfolgreich Bioprodukte exportiert.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 18. Dezember 2005, Seite 18

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