Steht Bio drauf, wird applaudiert

(NZZ am Sonntag – Meinungen – 28. August 2005, Seite 20)

Die modische Vorsilbe vernebelt zuweilen den Blick für die Tatsachen – wie das Beispiel Biodiesel zeigt

Beda M. Stadler

Das waren noch Zeiten, als das Kürzel Bio etwas mit Biologie oder sogar Biotechnologie zu tun hatte. Heute wird die Abkürzung vor allem dazu verwendet, das Gewissen der Menschen reinzuwaschen. Bio und die grüne Knospe wurden zu ideologisch aufgeladenen Umwelt- Labels und entfernen sich vom ursprünglichen, wissenschaftlichen Inhalt. Sobald ein Produkt den Bio- Stempel oder die Knospe trägt, scheint dies die Kritikfähigkeit der Konsumenten zu beeinträchtigen.

Alternative Energiequellen, insbesondere die Herstellung von Treibstoffen mit Biotechnologie, waren einmal wissenschaftliches Gedankengut. Heute ist von diesen Ansätzen fast nur noch der Biodiesel geblieben. Biodiesel erleichtert das schlechte Gewissen des Autofahrers, man kann weiter Vollgas geben. Die Protagonisten des Biodiesels werben daher bewusst mit grüner Umweltfreundlichkeit. Sie behaupten etwa, Biodiesel gebe bei der Verbrennung etwa so viel Kohlenstoffdioxid (CO2) ab, wie die Pflanze beim Wachstum aufgenommen habe. Dieser sogenannte geschlossene CO2-Kreislauf suggeriert Blumen im Auspuff. Leider muss auch der Biodiesel mit Brummis transportiert werden, und leider brauchen Pflanzen, aus denen man Biodiesel herstellt, ziemlich viel Dünger, für den nochmals eine ganze Menge Kohlenstoffdioxid draufgeht. Also wird nachgedoppelt, Biodiesel senke die Russemission deutlich. Liebe Bauern, am signifikantesten könnte man die Russemission durch einen Russfilter senken! Aber es gehört eben zu unseren romantischen Vorstellungen rund um Bio, die Bauern würden mit der Sense mähen. Tun sie aber nicht. Sie fahren Traktoren mit Klimaanlagen, aber ohne Russfilter.

Und wenn sogar behauptet wird, dank Biodiesel könne das Kyoto-Protokoll schneller erfüllt werden, muss man darauf hinweisen, dass dann die Schweiz, vom Flugzeug aus betrachtet, jeweils im Frühling gelb wäre. Etwa so viele Rapsfelder würde es nämlich brauchen, um genügend Biodiesel herzustellen. Es ist eigenartig, wie umweltbesorgte Mitbürger sich an den schönen gelben Rapsfeldern im Frühjahr ergötzen, dabei aber das Problem der Monokulturen ausblenden, etwas, das doch fast so verpönt ist wie die Biotechnologie.

Auch die Behauptung, Biodiesel werde aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, ist bei näherem Hinsehen eine Augenwischerei. Dies zu glauben, ist fast so blauäugig wie der Glaube, die Biolandwirtschaft brauche keinen Dünger. Pflanzen wachsen autotroph. Das heisst, sie können mit Hilfe der Sonnenenergie anorganische Stoffe in organische Stoffe umwandeln und davon leben. Aber sie können sich nicht von Kompost und nicht von Mist oder Gülle ernähren. Das heisst, jede Pflanze, die man vom Acker wegträgt, sei dies nun Raps für Biodiesel oder ein Biorüebli, enthält Mineralien, die man dem Boden wieder zusetzen muss. Um dies nur mit Mist, Gülle oder Kompost zu tun, braucht man etwa die gleiche Fläche wie bereits für die Herstellung der Biorüebli. Natürlich kann man auch Mineralien, etwa Phosphat, aus natürlich vorkommenden Minen verwenden. Dann fehlt er aber dort und wird nicht erneuert. Die sogenannt nachwachsenden Rohstoffe hinterlassen ein echtes Loch und suggerieren eine heile Welt, die es nicht gibt. Entweder ist Biodiesel also Bio, dann ist diese Produktionsweise äusserst fragwürdig, weil der Biodiesel nur mit nichterneuerbaren Materialien, zum Beispiel mit Mist, produziert werden kann und sich somit überhaupt nicht von der konventionellen Landwirtschaft unterscheidet. Soll der Biodiesel allerdings seinen Knospen- Nimbus verlieren, dann muss man sich fragen, wie sinnvoll es ist, wertvolle Landwirtschaftsflächen für so etwas herzugeben.

Biodiesel erleichtert das schlechte Gewissen des Autofahrers, man kann weiter Vollgas geben.

Aber fragen Sie sich das lieber nicht – das Bio-Konzept könnte sonst wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Sobald es politisch opportun wird, Biodiesel in der Schweiz zu hinterfragen, könnte das zur Folge haben, dass Sie auch beginnen, den Sinn von Biogemüse zu hinterfragen. Wollen wir eine Landwirtschaft, die praktisch die gleiche Fläche braucht, nur um minderwertigen Dünger herzustellen, und trotzdem einen geringeren Ertrag aufweist? Wäre es nicht sinnvoller, eine moderne Landwirtschaft zu fördern, die weniger Platz verbraucht, dafür mehr Raum für uns und unsere Wildtiere schafft? Damit meine ich nicht die Ansiedelung des Bären im Mittelland, sondern die Rückeroberung von schlecht genutztem Bioland durch Kleintiere, Vögel, Insekten und seltene einheimische Pflanzen. Diese Rückeroberung von ideologisch verbrämtem Kulturland würde nicht nur unserer Landschaft gut tun, sondern auch unserer Subventionspolitik.

Vielleicht werden Aldi, Migros und Coop die Sache richten. Sie werden bald billigere Bioprodukte aus Ländern anbieten, die mangels moderner Landwirtschaft nur Bio produzieren können. Die subventionierten Schweizer Biobauern werden dann von den Grossverteilern im Stich gelassen und bleiben auf Biogemüse und Biodiesel sitzen. Wir werden dafür die konventionelle Landwirtschaft rehabilitieren und an einem Ort sparen, wo es nicht wehtut. Das Bio-Label wird wieder dorthin kommen, wo es hingehört. Bio wird der Biologie zurückgegeben, und wir können beginnen, über Bio und Ökologie in einem wissenschaftlichen Sinn nachzudenken.

Leider scheint aber die Alternative wahrscheinlicher:Wir erhöhen die Subventionen für die Landwirtschaft, schliesslich brauchen die Bauern Russfilter, und führen einen Importstopp für ausländisches Biogemüse ein.


Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.

NZZ am Sonntag, 28. August 2005, Seite 20

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